Fast eineinhalb Jahre ist es nun schon her, seitdem ich das letzte Mal in Nepal gewesen war. März 2020 um genau zu sein. Weit mehr als ein Jahr Abstand zwischen Deutschland und Nepal. Vor einer gefühlten Ewigkeit war dies noch undenkbar gewesen – weder für mich noch für meine Freunde und Geschwister auf dem Dach der Welt.
Mittlerweile habe ich mich mit diesem Zustand arrangiert. Den absoluten Drang jedes Jahr zwei Mal für 4-6 Wochen in Nepal sein zu müssen, verspüre ich nicht mehr. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Der Alltag bestimmt das, was Normalität wird. Und aktuell besteht eben mein Alltag darin, Nepal im Home-Office lebendig werden zu lassen. In meinem Blog leider nur mit mäßigem Erfolg. Die Motivation fehlt. Hat die Corona-Zeit mir meine Nepal-Reisen abgewöhnt?

Zwischen Melancholie und Euphorie
Es ist ein ständiges Auf und Ab. Zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Frust und Erleichterung, zwischen Wut und Freude. Nepal macht es einem aber auch aktuell nicht leicht. Und für die Menschen vor Ort besonders schwer. Politische Zerrissenheit, Machtkämpfe und fragwürdige Entscheidungen tragen dazu bei, dass der Großteil der Bevölkerung mehr denn je in eine ungewisse Zukunft blickt.
Es ist ein Drahtseilakt zwischen der Hoffnung, dass alles wieder normal wird und der Angst, Existenzen aufgeben zu müssen. Besonders in der nepalesischen Tourismus-Branche. Meinen Freunden Rajeev und Vishal, die unsere geliebte Unterkunft in Kathmandu leiten, sende ich regelmäßig Geld, damit sie die Mietkosten begleichen können. Ohne Reisende, die sich bei uns niederlassen, fehlt ihnen natürlich Einkommen. Staatliche Unterstützung gibt es nämlich keine.
Mir persönlich geht es hier in Deutschland recht gut. Eigentlich kann ich auch nicht klagen. Während des Lockdowns hat mein kleiner Nepal Onlineshop mich über Wasser halten können. So ist Nepal also für mich beruflich und ehrenamtlich mit unseren Hilfsprojekten immer noch präsent.
Es gibt Momente, in denen meine Gedanken eine Zeitreise machen. Melancholisch, mit trüben Blick, erinnere ich mich an die vielen, vielen besonderen Momente zurück, die ich auf meinen mittlerweile 16 Nepal-Reisen erleben durfte. Ein Lächeln huscht mir ein ums andere Mal übers Gesicht. Leicht feuchte Augen gehören dazu. Ein tiefer Atemzug. Und schon bin ich wieder da. Ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit, weil die Vergangenheit aktuell näher ist als die Zukunft.
Es geht auch ohne mich – natürlich tut es das!
Ich muss nicht vor Ort in Nepal sein, damit unsere Hilfsprojekte vorangetrieben werden oder um Ware für meinen Shop nachzubestellen. Das war mir schon lange bewusst. Ich war nie so vermessen gewesen zu glauben, dass ohne mich die Welt in Nepal stehen bleiben würde. Einer Arroganz, der ich bereits so oft begegnet bin. Besonders bei jungen ausländischen Volunteers, bei gutverdienenden Entwicklungshelfer/innen und bei hippen Dokumentarfilmer/innen.
Für ein paar (junge) Menschen vor Ort bin ich dennoch irgendwie ihr Mittelpunkt. Aber nur, weil ich sie bereits ihr ganzes halbes Leben kenne und ihnen seitdem bedingungslos zur Seite stehe. Familie eben. Wenn ich bei ihnen bin, dreht sich ihre Welt schneller. Und meine bleibt stehen. Ich bin dann im Hier und Jetzt.
Die Distanz zu Nepal wird größer
Etwa 6.800km trennen Deutschland und Nepal. Und mit jedem Tag, der vergeht, nimmt die Distanz zu. Aktuell ist es sogar so, dass ich keinerlei Pläne habe, nach Nepal zu reisen. Wie denn auch, wenn die dortige Lage so undurchsichtig bleibt. Gerüchte bestimmen den nepalesischen Alltag und die Angst, dass der nächste Lockdown direkt vor der Tür steht. Drei harte Lockdowns musste die Bevölkerung bereits erdulden beziehungsweise durchleiden.
Noch immer müssen Touristen bei Einreise in eine Quarantäne. Sowohl nicht-geimpfte Reisende als auch Geimpfte. (Unter unterschiedlichen Auflagen. Da bitte die Webseiten der nepalesischen Behörden anschauen). Aber solange die Bevölkerung keinen angemessenen Schutz genießt, wird sich die Reise-Lage wohl auch nicht entspannen.
Ich persönlich glaube nicht mehr daran, dass ich dieses Jahr mein 10-jähriges Nepal-Jubiläum in Nepal feiern werde.
Denn mit jedem weiteren Tag rückt Nepal ferner.
Harry peck
Manchmal ist es schon unheimlich mit uns Menschen….
Wir können so viel erdulden…mitmachen….schreckliches erleben und doch —-geht es immer weiter….und das ist gut so…….vieleicht hat uns corona gezeigt ,das wir Menschen uns doch brauchen……das wir ohne ein bischen Zuneigung…Zusammenhalt….ja liebe
Nicht überleben ..
Khai ich bewundere dich ….und wir alle können viel von dir lernen…
Du bist ein guter…freundlicher….und empathischer…Mensch.
Und ich bin mir sicher …in deinem Herzen ist ein Fenster und schaut man hinein ist dort dein Nepal…deine Heimat….deine Seele.
Und es ist so nah….was sind da 6000 km..
Ich drücke dich ganz fest.
Ich verstehe dich so gut
Harry
Khai-Thai
Lieber Harry,
ich danke Dir sehr fürs Lesen und Kommentieren.
Ja, ein wenig Zusammenhalt, Empathie und Zuneigung täte der Welt wirklich gut. Vielen Dank für Deine lieben Worte!
Nepal bleibt so nur einen Steinwurf entfernt.
Viele Grüße und alles Gute weiterhin!
Khai-Thai