Karmendras weise Worte über Glaube und Zeit

Eingetragen bei: Anekdoten | 2
Karmendra
Karmendra (Holi 2014)

Gestern war genau der Montag gewesen, vor dem sich Karmendra so sehr gefürchtet hatte. „Manchmal ist es besser, einfach zu wissen, dass man etwas Schlimmes hat, anstatt die ganze Zeit glauben zu müssen, es womöglich haben zu können“, erklärte er mir noch vor wenigen Tagen bei unserer letzten Begegnung. Der Kopf käme ansonsten nicht zur Ruhe, sodass man sich nicht auf seine Heilung konzentrieren könnte. Ich stimmte ihm zu.
Ungewissheit ist gefährlich für das Seelenleben. Es ist immer besser, die offenen Fragen aus der Vergangenheit geklärt zu bekommen, damit es einem in der Gegenwart besser geht. Erst dann kann man sich auf die Zukunft konzentrieren. Andernfalls ertrinkt man in seinen Gedanken.

„Du hast eine besondere Gabe. Meine Schüler erinnern sich immer noch an dich!“

Meine Freundschaft zu Karmendra geht schon Jahre zurück. Januar 2012 – wenn ich mich recht entsinne. Damals wurde ich als Gast an seine Schule geführt. Karmendra empfing mich mit offenen Armen und stellte sich als Schuldirektor vor. Er wollte mich als Fußball-Trainer. Doch seine Schüler interessierten sich nicht dafür, sodass ich nur wenige Tage in der Schule verbrachte. Dennoch entwickelte sich über die Jahre eine enge Freundschaft.

Als er erfuhr, dass ich im Mai 2012 wieder in Nepal war, rief er mich direkt an. Er stellte mir seine Familie vor, und bat mich zum Essen zu bleiben. Er kochte, wir aßen, redeten und lachten. Ein toller Abend. Ich fragte mich echt, wie ich zu dieser Ehre kam. Damals gab es weder „mein-Nepal“ noch meine Hilfsorganisation hamromaya Nepal. Es lag also nicht daran, dass er finanzielle Unterstützung suchte. Wie so manch böse Zungen behaupten würden. Bis heute haben wir noch immer kein Projekt in Karmendras Schule durchgeführt. Und es steht auch keines zur Debatte.

Freundschaft
Karmendra und ich (Bhotang 2016)

„Ich genieße unsere Unterhaltungen. Du bist weitsichtig und hast eine andere Sichtweise. Bemerkenswert für dein Alter. Ich arbeite viel mit jungen Menschen zusammen. Sie kommen aus aller Welt und doch sind sie alle gleich. Sie sind alle der Meinung, dass ohne sie meine Schule zusammenbrechen würde. Das arme Nepal und wir retten es. Sie arbeiten an meiner Schule, fliegen nach ein paar Wochen wieder Heim und erzählen dort, was sie hier bewirkt haben. Dabei haben sie überhaupt nichts bewirkt! Nach ein paar Tagen haben meine Schüler sie bereits vergessen. Aber bei dir ist das anders! Du warst nur wenige Tage da, und meine Schüler erinnern sich immer noch an dich! Du hast eine besondere Gabe. Menschen erinnern sich an dich. Weil du es schaffst, anderen das Gefühl zu geben, wichtig zu sein!“

Das war das tollste Kompliment, dass ich jemals bekommen habe.

„Ich glaube nicht an Gott oder Religion. Ich glaube an Kultur!“

Karmendra und seine Ehefrau beim Fischkauf
Karmendra und seine Ehefrau beim Fischkauf

Auch ich genieße die Unterhaltungen mit Karmendra. Weil er kein Blatt vor dem Mund nimmt. Er spricht offen und ehrlich aus, was er denkt. In einem Land wie Nepal gehört er damit zu den Außenseitern. Vor allem gegenüber der Politik und der Engstirnigkeit seiner Landsleute regt er sich auf. Aber auch über ausländische Volunteers, die sein Land überfluten. Karmendra ist anders, weil er kritisiert. Er ist damals mit seiner jetzigen Frau durchgebrannt, weil er der arrangierten Ehe entkommen wollte. Karmendra ist anders, weil er seinen eigenen Kopf benutzt. Und das schätze ich so sehr an ihm. Gleich danach kommen seine Kochkünste. Wenn Karmendra dich zum Essen einlädt, lässt du besser alles stehen und liegen, und rennst zu ihm nach Hause.

Karmendra ist in Nepal eine Ausnahmeerscheinung, weil er vehement behauptet, Atheist zu sein. „Ich glaube nicht an Gott. Wieso auch? Warum wird überhaupt gebetet? Warum wird das eigene Schicksal in fremde Hände gelegt? Religion als Richtlinie, wie wir zu handeln haben? Unsinn! Ich glaube nicht an Religion. Ich glaube an Kultur! Kultur ist alles, was wir haben. In der Kultur zeigt sich, wer wir waren und wer wir sind. Kultur ist unsere Tradition, unsere Sprache, unser Leben und unser gegenseitiger Respekt. Wenn es keine Religion gibt, haben wir immer noch unsere Kultur. Wenn es keine Kultur gibt, existieren wir nicht!“

„Menschen nehmen sich selten Zeit füreinander. Dabei sind 10 Minuten oft schon genug!“

Oftmals finde ich es schade, dass ich während meiner Nepal-Reisen Karmendra nur so wenig Zeit widmen kann. Doch Karmendra hat mir dies noch nie nachgetragen. Ganz im Gegenteil. Er freut sich über jeden meiner Besuche. So kurz diese manchmal auch nur gewesen waren. „Zeit ist nicht wichtig. Wenn sich zwei Menschen gut verstehen, spielt Zeit keine Rolle. Keine Zeit für jemanden zu haben, ist meistens nur eine schlechte Ausrede. Jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Wir müssen uns einfach mehr Zeit füreinander nehmen. Selbst wenn es nur eine Stunde oder nur dreißig Minuten, oder gar noch weniger sind. Oftmals reichen auch nur zehn Minuten aus. Du brauchst dir kein schlechtes Gewissen zu machen. Du weißt, wie hoch ich es dir anrechne, dass du dir trotz deines engen Zeitplans Zeit für mich genommen hast. Zeit ist nicht wichtig!“

In der Tat ist es so, dass ich überhaupt kein schlechtes Gewissen habe. Ich weiß, dass Karmendra nicht gekränkt ist, wenn ich mal nur für einen Tee vorbeikomme. In der Tat ist es auch so, dass wir in der Zeit, in der ich in Deutschland bin, überhaupt keinen Kontakt haben. Sechs Monate hören wir voneinander nichts, bis ich dann eines Tages wieder in seiner Schule vorbeischaue und „Überraschung“ rufe. Und dann ist es genauso wie immer. Als sei die vergangene Zeit nicht existent gewesen.

Karmendras weise Worte bringen mich zum Nachdenken

weise Worte
mein-Nepal im März 2017

Ist es Zeit für mich zu glauben? Oder glaube ich an die Zeit, die noch kommen wird? Es ist aktuell viel zu spät, um philosophisch zu sein. Ich glaube weder an Zeit noch an eine höhere Instanz. Ich glaube an Begegnungen. Ein asiatisches Sprichwort besagt: “Ein unsichtbares Band verknüpft diejenigen miteinander, denen es vorbestimmt ist, sich zu begegnen – ungeachtet der Zeit, dem Ort und dem Umstand. Das Band mag sich zwar dehnen oder gar verwickeln, aber es wird nicht zerreißen“. Ich glaube an das unsichtbare Band, das uns zusammenführt. Ich glaube daran, dass jeder Mensch, der in mein Leben eintritt, dies aus einem bestimmten Grund tut. Wenn ich diesen noch nicht erkannt habe, ist der Grund auch noch nicht gekommen.

Gute Besserung, Karmendra, und bis zum nächsten Mal!


Blog via E-Mail abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Verfolgen Khai-Thai:

Namasté! Schön, dass Du meinen Nepal Blog gefunden hast. Ich heiße Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

2 Responses

  1. Karin Osswald

    Einmal mehr danke für die in Worte gefassten Erlebnisse in Nepal und die Tiefe Freundschaft welche euch verbindet.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.