„Ich bin kein Tourist. Ich bin ‚Volunteer‘!“

Eingetragen bei: Gesellschaftskritik, Voluntourismus | 2

Seitdem ich in Nepal involviert bin, höre ich diesen Satz unentwegt. Internationale Freiwillige, die mit teuren Entsendeorganisationen (z.B. Projects Abroad) nach Nepal reisen und den Menschen „helfen“ möchten. Sie sehen sich nicht als Touristen, obwohl sie sich genauso benehmen. Sie sehen sich als Helfer, obwohl sie – gemessen an dem Geld, das sie ausgegeben haben – kaum etwas vor Ort bewirken. Sie nennen sich Volunteers, weil sie sich dadurch den anderen Reisenden gegenüber moralisch überlegen fühlen. „Wir sind keine einfachen Touristen. Wir sind Teil der Gesellschaft!“ Teil einer Gesellschaft, die sie selbst nicht einmal verstehen. „Wir sind Volunteers!“ Moderne Helden, geblendet von ihrem selbst erkorenem Status.

Von Sept. bis Nov. 11 war ich mit Projects Abroad in Nepal.
Von Sept. bis Nov. 11 war ich mit Projects Abroad als „Volunteer“ an einer Schule in Nepal tätig.

Warum ich das alles weiß? Weil ich selbst einer von ihnen war. Von September bis November 2011 war ich mit Projects Abroad in Nepal und durfte in der Snowland Ranag School als Lehrkraft tätig sein. Wie ich ohne pädagogische Ausbildung Kinder unterrichten durfte, war mir direkt am ersten Tag bereits schleierhaft gewesen. Aber anscheinend habe ich mir den Lehrer-Titel für knapp 2.300 Euro erkauft. Denn so viel kosteten drei Monate in Nepal damals mit Projects Abroad – ohne Flug und Visum versteht sich…

In Nepal angekommen, bemerkte ich sofort die Vielzahl zum Teil sehr junger Menschen aus Industrienationen, die wie ich in Kindereinrichtungen arbeiten sollten. Ich lernte das Konzept des Voluntourismus kennen und hinterfragte es schnell. Meine Volunteer-Kolleginnen und -Kollegen schmückten sich vehement mit dem Volunteer-Status: „Ich bin kein Tourist. Ich bin Volunteer“, während ich mich zutiefst dafür schämte. Jeden Tag, den ich mit den Volunteers in den Schulen und Kinderhäusern verbrachte, stieß mir übel auf – natürlich nicht wegen den Kindern! Sondern weil wir einfach in diesen Einrichtungen nichts zu suchen hatten.

Im Unterricht wird alles gemacht, nur kein Unterricht.
Im Unterricht wird alles gemacht, nur kein Unterricht. (09/2011)

Ich schämte mich dafür, dass wir Volunteers von den Verantwortlichen der Kindereinrichtungen ständig lobgepriesen wurden. Ich schämte mich dafür, dass sie uns gegenüber so unendlich dankbar waren. Für was überhaupt?! Wir haben nichts geleistet, außer den Unterrichtsplan zu stören und mit den Kindern zu spielen. Während die anderen Volunteers fleißig mit Kindern, deren Namen sie nicht einmal kannten, für Erinnerungsfotos posierten, fragte ich mich, was sie ihren Familien und Freunden wohl erzählen würden, wenn sie von ihrer Reise zurück kehrten. Dass sie die Welt verbessert haben? Dass sie etwas besonderes für die armen Menschen geleistet haben? Wir haben überhaupt nichts verbessert! Wir haben mit unserer Gier nach Aufmerksamkeit und nach Lob viele kolonialistische Strukturen nur verfestigt!

Vom Bauen keine Ahnung, aber trotzdem durften wir. (10/2011)
Vom Bauen keine Ahnung, aber trotzdem durften wir. (10/2011)

Wie kann es sein, dass wir ohne Ausbildung Schulklassen unterrichten können? Wenn ich in eine Schule in Deutschland spazieren würde, um den Unterricht in einen ihrer Klassen zu leiten, würde ich hochkant rausgeschmissen werden. Warum ist es in Nepal möglich? Sind Volunteers bessere Lehrkräfte als ausgebildete Einheimische? Volunteers sind in Nepal privilegiert. Wir dürfen in Nepal so viel machen, obwohl wir nicht die Expertise dazu haben. Wir haben eine Dusche gebaut, für deren Fertigstellung wir unendliches Lob erhielten. Wir wurden dafür gefeiert, obwohl durch unser Unvermögen einheimische Bauarbeiter über Nacht harte Arbeit leisten mussten, damit sie den Unfug, den wir tags zuvor angerichtet hatten, wieder zu verbessern und gar selbst komplett fertigzustellen. Am Ende haben wir dadurch mehr Geld für die Duschen ausgegeben, als wenn wir von vorhinein Bauarbeiter eingestellt hätten. Warum wir das nicht getan haben? Weil Volunteers etwas bewirken wollen! Weil wir Geschichten erzählen wollen, was wir ach so tolles in Entwicklungsländern geleistet haben… Weil wir moderne Helden sein wollen.

Ich verstehe es nicht, dass die meisten anderen Volunteers dies nicht wahrhaben wollen. Jeder macht Fehler. Ich habe mit der Buchung bei Projects Abroad in 2011 einen Riesigen gemacht. Aber ich habe mich damit nicht zufrieden gegeben. Ich habe vieles hinterfragt. Ich habe in der Zeit, in der ich in Nepal war, mich mit Projects Abroad angelegt. Aber leider sind die meisten Volunteers anders. Sie nehmen alles hin, weil sie ihr Freiwilligenprogramm als Urlaub sehen. Weil es so bequem ist. Weil sie ihre Fehler nicht eingestehen wollen. Weil sie Helden sein wollen, die sie sonst Zuhause nicht sein können!


Anmerkung: Diese Kritik an Volunteers beläuft sich einzig auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Volunteer-Programmen, die von kommerziellen Unternehmen angeboten werden. Freiwillige Helferinnen und Helfer sind, wenn diese vorbereitet und sinnvoll eingesetzt werden, eine Bereicherung für jede Zivilgesellschaft!!

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Namasté! Schön, dass Ihr meinen Nepal Blog gefunden habt. Mein Name ist Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

2 Responses

  1. Silvio

    Sehr guter Artikel. Ich arbeite im Moment auch in Nepal und kann dieses Muster immer wieder erkennen. Dasselbe gilt natürlich auch für diese low-budget Touristen die von sich sagen: „Ich bin kein Tourist, ich bin auf Reisen!“. Die kommen hierher, diskutieren darüber wie arm das Land ist und dass die Leute keine Perspektiven haben, waschen aber z.B. ihre Wäsche lieber selber um Geld zu sparen als sie in einer Laundry für umgerechnet 5 Dollar waschen zu lassen und damit einer ganzen Familie eine Mahlzeit ermöglicht zu haben.

    • Khai-Thai

      Hallo Silvio, vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Lob über meinen Volunteer-Bericht!
      Ich weiß genau, was Du meinst, wenn Du über die Low-Budget Touristen schreibst. Leider fehlt den meisten Reisenden/Touristen – denn jeder Tourist ist ein Reisender und jeder Reisender ist zugleich auch Tourist – an Weitsicht und an den Zusammenhängen. Sie sind auf deren eigenen (moralischem) Wohl fokussiert und zeigen diese Überlegenheit auch ungeniert. Echt schade 🙁
      LG aus Nepal
      Khai-Thai

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