„Hallo, ich bin der Khai-Thai, meine Lieblingsfarben sind blau und gelb, und ich mag Eiscreme“. Erwachsene können damit nicht viel anfangen. Stellst du dich ihnen so vor, schauen sie dich dann oft nur verdutzt an, als kämst du gerade vom Mars. Sie wollen dann nichts mehr mit dir zu tun haben. Wenn du den großen Leuten aber erzählst, dass du auf der Uni warst und nun bei der Deutschen Bank arbeitest (was ich definitiv nicht tue!), dann meinen sie dich endlich gut zu kennen. Und wenn du dann auch noch in einem teuren Anzug vor ihnen stehst und ihnen erzählst, wie viel du jeden Monat verdienst, sprechen sie schon ganz anders mit dir. Sie haben dann richtig Respekt.
Stehst du aber wie ich im Saturn (der Elektrofachmarkt; nicht der weitentfernte Planet) und verkaufst Kaffeemaschinen, begegnen dich die großen Leute häufig nicht auf Augenhöhe. Sie meinen, sie seien etwas besseres, weil ihr Gegenüber ein einfacher Verkäufer ist. Wenn die großen Leute dann aber herausfinden, dass ich einen Master-Abschluss habe und sieben Sprachen spreche, fangen sie an mich zu bemitleiden. „Ja, vom Studiengang Wirtschaftsgeographie habe ich noch nie etwas gehört. Muss schwierig sein, einen Job in Ihrer Branche zu finden. Tut mir leid, dass Sie trotz Studiums diesen Job hier machen müssen. Hoffentlich finden Sie bald einen besseren Job, wo Sie mehr verdienen werden“. Die großen Leute sind oft in ihrem eigenen Denken gefangen und erkennen das Wesentliche nicht.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Dass mir der Job Spaß macht und er mir unglaublich viel Freizeit gibt, um meine eigenen Projekte (mein-Nepal.de, mein-Nepal Blog, mein-Nepal Shop, hamromaya Nepal e.V., Project Volunteer Nepal, Asha Travel) nachgehen zu können, wird nicht für möglich gehalten. Die großen Leute meinen immer alles besser zu wissen – auch und insbesondere für Andere. Sie sehen alles nur mit ihren eigenen Augen. Für sie ist genau das die einzige Wahrheit.
Den großen Leuten kannst du das alles nur schwer vermitteln. Ihre Phantasie ist verschwunden. In ihrer Welt muss alles vernünftig sein. Alles sicht- und greifbar. Sonst verstehen sie es nicht mehr. Aus diesem Grund lieben die großen Leute Zahlen. An ihnen kann man sich nämlich messen. Sie erzählen stolz von ihren ganzen Ausgaben und den Preisen, die sie gezahlt haben. Nur so können sie ihre Anschaffungen beschreiben. Ob aus dir etwas geworden ist, erkennen die großen Leute auch nur an deinem Gehalt. Über Zahlen könnten sie den ganzen Tag sprechen. Davon können sie tatsächlich nie genug haben. Aber wenn es ums Wesentliche geht, um Träume, Glück, Liebe und dem Sinn des Lebens, sind die großen Leute oftmals überfragt.

Unsere Gesellschaft braucht mehr kleine Prinzen und Prinzessinen 🙂
Wenn ich unsere Gesellschaft dafür kritisiere, dass wir unsere Persönlichkeit an Anschaffungen und unsere persönliche Wertschätzung an Gefällt-Mir-Angaben Anderer messen, so werde ich direkt in eine Schublade gesteckt. Die großen Leute nennen mich dann naiv und zu idealistisch. Ich solle doch Erwachsenwerden.
Um so zu werden wie sie? Niemals! Warum wird Naivität und Idealismus von den großen Leuten als etwas Negatives gesehen? Womöglich weil sie selbst das Träumen schon lange verlernt haben. Wo ist nur das Kind in uns geblieben? Wo ist die Neugier, die Unvoreingenommenheit, das Interesse über den Tellerrand hinauszuschauen oder die einfache Frage „Warum“? Wann haben wir aufgehört daran zu glauben, etwas in der Welt bewirken zu können? Wann haben wir das Wesentliche komplett aus den Augen verloren?

Vielleicht ist „Der kleine Prinz“ mein absolutes Lieblingsbuch, weil auch in mir der kleine Prinz zu Hause ist. Vielleicht passe ich aus diesem Grund nicht so richtig in unsere Konsumgesellschaft. Fühle ich mich deshalb in Nepal so wohl? Weil es dort noch ums Wesentliche geht, und nicht darum, wie viel ich verdiene, wie groß meine Wohnung ist, oder wie viel Miete ich zahle?
Lasst uns wieder etwas mehr Kind sein! Nur so entdecken wir wieder das Wesentliche…
Die großen Leute lieben nämlich Zahlen. Wenn ihr euch über einen neuen Freund unterhaltet, wollen sie nie das Wesentliche wissen. Sie fragen dich nie: »Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge?« Sie wollen lieber wissen: »Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater?« Erst dann werden sie glauben, ihn zu kennen. Und wenn ihr den großen Leuten erzählt: »Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf dem Dach…« werden sie sich das Haus nicht vorstellen können. Ihr müsst vielmehr sagen: »Ich habe ein Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist.« Dann kreischen sie gleich: »Oh, wie schön!«
„Alle großen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran.“
Antoine de Saint-Exupéry aus „Der kleine Prinz“
In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen guten Start ins neue Jahr – alles Gute, viel Glück, Liebe und Gesundheit für 2020! Wer weiß, vielleicht läuft man sich in Nepal mal über den Weg und träumt zusammen 🙂
Martina
Lieber Khai-Thai,
ein sehr schöner Bericht den ich mit viel Freude gelesen habe. Du triffst den Nagel auf den Kopf! Auch ich würde mich über mehr Menschen freuen die wieder auf das Wesentliche schauen.
In diesem Sinne wünsche ich Dir und Deiner Familie ein tolles Jahr 2020!
Martina Geisler
Khai-Thai
Liebe Martina,
vielen lieben Dank für Deine Worte. Ich freue mich, dass Dir mein Text Freude bereitet hat 🙂
Ich wünsche Dir und Deiner Familie einen guten Jahresstart und ein wundervolles Jahr 2020!
Herzlichst,
Khai-Thai