Auch Helden müssen weinen

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Kürzlich wurde ich gefragt, wann ich eigentlich das letzte Mal weinen musste. Und in der Tat muss ich lange in die Vergangenheit zurückreisen, in der ich meinen Tränen in aller Öffentlichkeit freien Lauf gelassen habe. Und vor jenem besagten Mal war es wiederum sogar über eine halbe Ewigkeit her gewesen, als ich Tränen vergoss. Und so entsteht somit der Anschein, dass ich immer Herr über meinen Emotionen sei. Aber das ist eben nur der öffentliche Anschein.

Ein schwerfälliger letzter Tag in Snowland...
Ein schwerfälliger letzter Tag in Snowland… (März 2012)

So wie bei meinem ersten Abschied aus der Heimschule Snowland in Kathmandu. Ich erinnere mich noch gut an den Frühlingsmorgen im März 2012. Der Tag begann schon irrsinnig früh. Um kurz vor fünf Uhr morgens schnappte ich mir ein Taxi, das mich in den Norden Kathmandus brachte. Die etwa 150 Kinder waren gerade dabei aufzuwachen. Das Schulgelände füllte sich mit Leben, das aber an jenem Tag viel schwerfälliger gewesen war als sonst. In den letzten sieben Monaten hatte ich so einen Zustand in der Schule noch nie erlebt. Es war, als wären wir in Trance. Meine Geschwister aus Snowland wussten natürlich von meinem bevorstehenden Abschied. Ich hatte bereits drei Wochen vor meiner Abreise damit begonnen, die Kinder darauf vorzubereiten. Es half dennoch alles nichts.

Ein Abschied auf Zeit (März 2012).
Ein Abschied auf Zeit (März 2012).

Ich blieb bis um halb zehn in der Schule, ehe die ältesten Jungs in weiter Ferne ein Taxi für mich fanden. Je näher der Abschied drohte desto schwermütiger wurde die Stimmung. Die ersten Kinder fingen an zu weinen. Tränenüberströmt reichten sie mir ihre Abschiedsgeschenke. Ich riss mich zusammen, um nicht auch im Tränenmeer zu versinken. „Khai-Bruder, warum weinst du denn nicht? Bist du nicht traurig, dass du uns verlässt?“, hörte ich ein Mädchen fragen. „Doch, doch! Heute ist der traurigste Tag meines Lebens! Aber ich weine nicht, weil es kein Abschied für immer ist. Sondern ein Abschied auf Zeit! Ich freue mich schon bald, euch alle wiederzusehen!“, lächelte ich mit letzter Kraft, um sie alle zu trösten und zu beruhigen. Meine Augen wurden immer feuchter. „Khai-Bruder ist unser Held [Held im Sinne der männlichen Hauptperson in Bollywood-Filmen] und Helden weinen nicht!“, rief ein kleiner Junge. Ich nahm ihn auf meinen Arm:

„Auch Helden müssen manchmal weinen“.

Herz und Kopf
In der Stille finden Herz und Kopf wieder zusammen.

Wenn alles zu viel wird. Wenn die Emotionen einem übermannen. Oder wenn man einfach nicht mehr mit der aktuellen Situation zurechtkommt. Dann müssen auch Helden weinen. Sie tun es allerdings nicht in aller Öffentlichkeit, sondern zumeist im Stillen. Sill und fast schon heimlich. Nicht weil sie sich vor ihren Tränen schämen oder diese als Schwäche abzeichnen, sondern weil sie es ihrem Gegenüber erträglicher machen möchten.

Als ich an jenem Morgen in das Taxi stieg, die Tür zuschlug und im Rückfenster die Kinder in der Ferne immer kleiner werden sah, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich weinte bitterlich. Und als mein Flieger nepalesischen Boden verließ, konnte ich kaum aufhören.

Es ist nichts Verwerfliches oder Unmännliches daran, weinen zu müssen. Weinen zählt sogar zu unseren stärksten Eigenschaften. Denn dadurch wird einem erst bewusst, wie viel einem seine Mitmenschen bedeuten. Es macht uns menschlich. Es macht uns zu einem liebenden Menschen. Dafür muss man sich partout nicht schämen.

Die Tränen weglächeln...
Die Tränen weglächeln… (März 2012).

Aber es gibt auch Zeiten, wo man seine Tränen zurückhalten sollte. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, vor meinen Geschwistern nicht geweint gehabt zu haben. Es hätte die Abschiedssituation nur verschlimmert. Denn mein Weinen hätte ihre Verzweiflung nur gestärkt. Das Ausbleiben meiner Tränen hat die Situation für die Kinder erleichtert. Es hat sie weniger verletzt. Es hat Zuversicht ausgestrahlt. Am Ende geht es darum, dass man es den Menschen, die man liebt, nicht noch unnötig schwerer macht. Denn wie schwer ihnen diese Situation zusetzt und wie wichtig wir ihnen als geliebter Mensch sind, sehen wir an den Tränen, die sie vergießen.

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Namasté! Schön, dass Ihr meinen Nepal Blog gefunden habt. Mein Name ist Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

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