Ausgangssperre in Nepal – vorerst kein Ende in Sicht…

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Seit fast zwei Monaten beherrscht ein einziges Thema die ganze Welt. Eine unsichtbare Gefahr, die unser aller geregeltes Leben völlig auf dem Kopf gestellt hat. Natürlich auch das meine.

Als ich nach meiner abrupten Rückkehr aus Nepal wieder in Deutschland angekommen bin, war die Lawine bereits los getreten worden. Immer schneller schlossen Staaten ihre Grenzen, immer schneller wurde das Gesellschaftsleben eingeschränkt. Restaurants, Geschäfte und Cafes schlossen so unverhofft, dass ich kaum begriff, weshalb ich nicht einfach in Nepal geblieben war. Hätte ich dort doch nur meine Haare geschnitten…

Eine Woche nach meiner Rückkehr aus Nepal sprach die nepalesische Regierung eine landesweite, komplette Ausgangssperre aus. Die Bilder der leeren, unbefahrenen Straßen Kathmandus wirkten gespenstisch. Noch nie zuvor hatte ich so etwas gesehen – nicht einmal nach dem großen Erdbeben 2015. Die chaotische, laute und wuselige Hauptstadt war urplötzlich wie ausgestorben. Die Angst ging um. Niemand wusste so wirklich weiter. Die nepalesische Bevölkerung leistete den Forderungen der Regierung folge. Nepal hatte sich schon Wochen zuvor vom internationalen Flugverkehr abgeschottet. Nun auch seine offene Grenze zu Indien geschlossen. Alles kam zum Stillstand. ALLES!


Flucht in die Dörfer

Die meisten Nepalesen, die in Kathmandu leben, stammen nicht ursprünglich aus der Hauptstadt. Viele von ihnen haben sich dort angesiedelt, um ein besseres Leben zu finden. Mal stammen sie aus den umliegenden Dörfern des Kathmandu-Tals, mal aus den entlegensten Winkeln des Landes. Noch vor der Ausgangssperre, als erste ernste Lockdown-Gerüchte in Umlauf gerieten, zogen es viele Nepalesen vor, in ihre Dörfer zurückzukehren. Eine Stadt-Land-Flucht sozusagen.

Die meisten fühlten sich in den weiten der ländlichen Regionen sicherer aufgehoben als in der überfüllten Stadt. Dass womöglich das Virus so erst in die Dörfer getragen werden konnte, spielte eine untergeordnete Rolle. Das eigene Überleben war wichtiger – insbesondere im Bezug zur Nahrung. Steigende Lebensmittelpreise sowie erhöhte Kosten für Benzin und Gas setzen die „einfache“ nepalesische Bevölkerung härter zu als uns beispielsweise in Deutschland. Das hatten viele Nepalesen bereits während der großen Wirtschaftsblockade Anfang 2016 schmerzlich lernen müssen. Die eigene Subsistenzwirtschaft in den Dörfern sollte so zumindest die Nahrungsmittelversorgung sichern.

Es trifft immer die Ärmsten zuerst!

Eine Woche nach Beginn der landesweiten Ausgangssperre, wurde das Ausmaß der Katastrophe immer bemerkbarer. Diejenigen, die in der lukrativen Tourismusbranche tätig sind, konnten zumindest ein paar Rücklagen sichern, um sich halbwegs über Wasser zu halten. Doch mit den Schließungen von Produktionsstätten und dem Stop sämtlicher Bauvorhaben verloren Tagelöhner ihre einzige Einnahmequelle. Menschen, die von Lohn zu Lohn leben, waren nun ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Es sind leider immer die ärmsten Menschen, die in Zeiten von Katastrophen zuerst hart getroffen werden. Die, die es nicht rechtzeitig zurück in ihre Dörfer geschafft haben, leiden in der Hauptstadt.

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April – Ein Monat ohne wesentliche Änderungen

Der April ist an mir vorbeigerauscht. Das muss ich zugeben. Daher habt ihr auch so lange nichts mehr von mir gehört. Tut mir leid! Es geht mir aber gut – den Umständen entsprechend natürlich. Seit Ende März kann ich schon nicht mehr arbeiten und das wird sich sicherlich noch bis in den Sommer ziehen. Ein Glück, dass es Staatshilfen sowie meinen Nepal-Shop gibt. Andernfalls wüsste ich nicht, ob ich weiterhin so gelassen sein würde…

Doch leider neigt sich nun auch mein Warenbestand immer mehr dem Ende zu – besonders meine wundervollen Gebetsfahnen sind alle ausverkauft. Während mein Onlineshop im März und April noch guten Umsatz machte, erwarte ich für den Mai und die Sommermonate einen herben Umsatzeinbruch 🙁

Umso gespannter hatte ich bereits den gesamten April auf positive Nachrichten aus Nepal gewartet. Ich war im April mehr in Kontakt mit meinen Freunden in Nepal als sonst. Ein weiterer Grund, warum Nepal aktuell so präsent bei mir ist. Je mehr Kontakt ich nach Nepal habe, desto mehr Erinnerungen kommen wieder, was dazu führt, dass ich Nepal umso mehr vermisse. Ein verhängnisvoller Kreislauf.

Ich vermisse „mein-Nepal“ und Dal Bhat 🙁

April als Monat der Ausgangssperre

Unterdessen nahm die Ausgangssperre in Nepal ihren Lauf. Die Regierung beschränkte die Anzahl der Fahrzeuge in Kathmandu auf gerade einmal 500. Nur mit einem gültigen Zertifikat durfte man in die Stadt hinein fahren. An den großen Kreuzungen der Hauptstadt patrouillierten Polizisten und verhinderten so eine Überquerung der Straße. Man durfte nur in der unmittelbaren Nachbarschaft unterwegs sein. Zweimal am Tag war es gestattet, das Haus zu verlassen, um Lebensmitteleinkäufe zu tätigen. Morgens und Abends. Den Rest des Tages verbrachte man daheim. Und das alles zieht sich bis heute.


Und wie geht es weiter? Erst einmal überhaupt nicht…

Während bei uns die Wörter „Konktaktbeschränkungen“, „Abstand halten“ und „Maskenpflicht“ in aller Munde sind (und viele sogar aufregen), wünscht man sich in Nepal ebenfalls Lockerungen, die ein Überleben erst wieder ermöglichen.

Die Bevölkerung leidet unter den unkoordinierten Maßnahmen. Es gibt weder Hilfsprogramme seitens der Regierung noch einen konkreten Plan, wie mit der Krise umgegangen werden soll. Die konstante Verlängerung der Ausgangssperre scheint als Maßnahmen-Plan auszureichen.

Die aktuellen Fallzahlen sprechen eigentlich für sich. Offiziell sind „nur“ 99 Menschen an Covid-19 erkrankt (Stand: 07.05.20, Quelle: The Himalaya Times). Dennoch darf man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt.

Meine Freunde in Nepal, Rajeev und Vishal, schildern mir heute ihren aufgestauten Unmut. Neu erfasste Erkrankungen tauchen an verschiedensten Teilen des Landes auf – fast schon willkürlich. Die Infektionsrate sei nicht alarmierend, wobei das höchstwahrscheinlich an den viel zu wenigen Tests läge. Außerdem, was viel schlimmer ist, kann man sich auf die Testergebnisse in Nepal nicht verlassen, was sogar Ärzte behaupten würden. Zu wenige Tests, zu schlechte Tests! Ein Gesundheitssystem, das einfach nicht für eine solche Krise gemacht wurde. Heute wurden übrigens 3 „genesene“ Fälle wieder positiv getestet – soviel dazu…. (Stand: 07.05.20, Quelle: The Himalaya Times).

Die Regierung verlängerte unterdessen abermals die komplette Ausgangssperre um weitere 10 Tage bis zum 18.05.2020 (Stand: 07.05.20, Quelle: The Himalaya Times). Der internationale Flugverkehr ist bis zum 31.05.2020 ausgesetzt.


Die Bevölkerung wird unruhig und bereitet sich auf schlimme Zeiten vor…

In der nepalesischen Bevölkerung wächst die Ungeduld. Die internen Machtspiele im Kabinett verzögern konkrete Maßnahmen, wie langsam wieder zur Normalität zurückgekehrt werden könnte.

Zwar gebe es (noch) keine größeren Protestaktionen aus der Bevölkerung, doch es ist spürbar, dass immer mehr Menschen in den Straßen unterwegs sind. Auch die Anzahl der Fahrzeuge nimmt zu. Allein am heutigen Tag hinderte die Polizei 103 Fahrzeuge an der Einfahrt nach Kathmandu (Stand: 07.05.20, Quelle: The Himalaya Times).

Es ist schon lange kein Kampf mehr nur gegen das Virus. Mit jedem Tag wird es mehr und mehr ein Überlebenskampf. Irgendwann – bei den meisten früher als später – geht das Geld aus. Meiner nepalesischen Schwester Puja sende ich in den nächsten Tagen eine kleine Summe, die ihr mehr hilft als mir…

Update - Corona Krise in Nepal
Unglaublich, das ist die Kreuzung Chabahil!

Lange geht das alles nicht mehr gut. 🙁
Meine Freunde Rajeev und Vishal schildern es wie folgt:

We should be mentally prepared for a long term effect of this pandamic – Financially, psychologically and socially.

Rajeev (07.05.2020)

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Namasté! Schön, dass Du meinen Nepal Blog gefunden hast. Ich heiße Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

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