4 Kakerlaken & 13 Mücken später – Reisebericht aus Bharatpur

Eingetragen bei: Reiseanekdote | 12

1.58h. Moonlight Hotel, Bharatpur, Chitwan. Das Ziel: Die Nacht überleben. Mein aktueller Status: Halbnackt, mit Stirnlampe bewaffnet, stehend auf meinem Bett. Mein Glück: Niemand bekommt diesen lächerlichen Anblick mit.

Kurz zuvor hatte ich bereits sämtliche Lichtschalter im gesamten Zimmer betätigt. 8 sind es insgesamt. Eine Lampe reagierte. Sie flimmert leicht. Wie in einem schlechten Horrorfilm. Doch sie schenkt dem Zimmer noch genug Helligkeit, um jede Wand klar zu erkennen. Die Stirnlampe hilft. Mit ihr fühle ich mich weitaus professioneller. Die Uhr schlägt zwei. Es wird ein Geduldspiel. Wer zuerst zuckt, verliert. Ich rühre mich nicht. Stattdessen horche in die tiefe Nacht hinein und höre alles, nur nicht Stille. Wasser tropft seit Stunden aus einem Hahn im Bad und füllt den darunter liegenden Eimer stetig auf. Tonnenschwere LKW donnern mit hohem Lärm an meinem Fenster vorbei. In der Hauptstraße höre ich laute Stimmen von Menschen, die ich um diese Uhrzeit nicht begegnen wollen würde. Eine Katze schreit. Hunderte Hunde bellen. Nagetiere huschen am kleinen Metallvordach unter meinem Fenster entlang. Das müssen Ratten oder Mäuse gewesen sein – oder vielleicht doch ein kleiner Tiger? Ich bin ja schließlich in Chitwan.

Chitwan ist nicht nur der Nationalpark…

Nepalganj im September 2017 - Weite Straßen, große Hitze...
Nepalganj im September 2017 – Weite Straßen, große Hitze…

18 Stunden zuvor war ich in Pokhara in einen Touristenbus eingestiegen, der mich nach Chitwan bringen sollte. Chitwan, das ist übrigens ein Distrikt im Süden Nepals (Terai). Und eben nicht eine Stadt oder gar der Ort am Nationalpark. Das wusste ich eine lange Zeit auch nicht. Der Süden Nepals war ja noch nie so wirklich mein Freund gewesen. Zu tropisch. Hohe Luftfeuchtigkeit ist überhaupt nicht mein Ding. Ich erinnere mich noch zu gut an meine Projektreise in den Distrikt Bardia im Südwesten Nepals. Im September 2017 war meine Expertenmeinung gewesen: „Viel zu heiß“. Den Süden besuche ich also nur, wenn ich einen triftigen Grund dazu habe.

So wie auch dieses Mal. Mein Nepal-Verein unterstützt nämlich die College-Ausbildung eines Mädchens in Chitwan. Und da Rabina ihre Ausbildung nicht als Nationalpark-Aufseherin macht, wohnt sie in einer Großstadt Chitwans, den die ganzen ausländischen Reisenden so gut wie überhaupt nicht besuchen. Bharatpur, die fünftgrößte Stadt Nepals, wird von Touristen so wenig heimgesucht, dass der Busfahrer und sein Gehilfe mich zunächst nicht einmal aussteigen lassen wollten. Wir seien noch nicht in Sauraha (gesprochen „Saura“), hatten sie mir wild gestikulierend zugerufen. Sauraha ist der Ort kurz vor dem Nationalpark. In dem Dorf leben mehr ausländische Gäste als Einheimische – so wie in Thamel auch… Selbst Wikipedia schreibt: „Das Dorf ist stark vom Tourismus geprägt.“

Nachdem ich dem Busfahrer und seinem Gehilfen versichert hatte, dass ich noch bei völligem Verstand sei, ließen die beiden mich tatsächlich in die Freiheit. Unter den verwirrten Blicken der anderen Fahrgäste schnappte ich mir meinen großen Rucksack und betrat die Hauptstraße quer durch Bharatpur. Der Bus setzte seine Fahrt nach Sauraha fort.

Bharatpur – ein bisschen wie Kathmandu, nur geordneter und mit weniger Staub!

Ich lief die lange Hauptstraße entlang und musste feststellen, dass die Temperaturen überraschenderweise sehr angenehm waren. Der März gilt als Frühling im Süden. Die Temperaturen liegen dann – nach meinem Empfinden – noch in einem perfekten Mittelmaß. Hier lässt es sich aushalten. In wenigen Wochen wird es schon extremer werden. Übrigens sind auch die Winter sehr extrem im Terai. Kaum zu glauben, dass es im Süden Nepals jedes Jahr auch zu Kältetoten kommt.

In Bharatpur findet man nur ganz wenige Touristen.
In Bharatpur findet man nur ganz wenige Touristen.

Ich genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut und folgte weiter der Hauptstraße. Viele Autos, viele LKWs, viele Busse, viele Tuktuks. Doch eines fiel mir sofort auf: Kein Stau sowie nur wenig Staub und Abgase! Wie war das nur möglich?! Ich lief weiter die Hauptstraße entlang und staunte nicht schlecht, wie breit die Fußgängerwege waren! Geschäfte und Restaurants reihten sich einander. Viele Menschen waren unterwegs. Die Stadt lebte. Ich fühlte mich irgendwie ein wenig wie in Kathmandu – nur alles ein wenig entspannter. Aber mit der Zeit wurde es für mich nicht mehr so entspannt. Eher unangenehm. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl in meiner Haut. Ausnahmslos jeder durchbohrte mich mit seinen Blicken.

Ein ausländischer Tourist war für viele Menschen in Bharatpur die Attraktion des Tages gewesen. Trotz Großstadt-Status. Mit meinem großen Rucksack und meiner umgehängten Kamera war ich praktisch unübersehbar. Ein Aushängeschild. Eine wandelnde Litfaßsäule. Es war nervig von allen Seiten angestarrt zu werden.

Ein Hotel für eine Nacht muss nicht den höchsten Standard entsprechen…

Die Suche nach einem geeigneten Hotel verlief schnell. Einerseits lag es daran, dass ich zu faul gewesen war, mit meinem Gepäck weiter zu suchen. Die Sonne knallte nämlich doch schon sehr. Andererseits war es mir auch wichtig, relativ unkompliziert unser Patenkind besuchen zu können. So landete ich im Moonlight Hotel, dessen leuchtendes Schild meine Aufmerksamkeit ergatterte. Das Hotel war – naja, nennen wir es einmal – eher rustikaler, obwohl es zu den größeren Hotels der Gegend zählte.

In Dolpa waren die Unterkünfte weitaus ungemütlicher.
In Dolpa waren die Unterkünfte weitaus ungemütlicher.

Die meisten Zimmer im ersten Obergeschoss waren recht dunkel und ungemütlich, weil sie keine Fenster hatten. Dafür waren sie aber mit einer Klimaanlage ausgestattet – eine Lebensversicherung für den knallharten Sommer. Ich entschied mich für eines der beiden Zimmer im vorderen Bereich des Hotels mit Blick auf die darunterliegende Straße. Durch die großen Fenster hatte ich eher das Gefühl von Sauberkeit. Das Zimmer hatte zwei Betten, zwei Sessel, einen flachen Glastisch, einen Nachttisch, einen zerstörten Wandschrank und ein kleines Badezimmer, dessen Duschhahn sich nicht vollständig schließen ließ. Es tropfte unentwegt. Allerdings war es für eine Nacht völlig in Ordnung. Ich habe schon viel, viel schlimmer übernachtet…

Bei dem Zimmer handelte es sich um ein Zimmer ohne Klimaanlage. Das entsprach nicht ganz den Tatsachen. Es war schon eine Klimaanlage vorhanden. Nur funktionierte sie nicht. Glücklicherweise war es noch nicht Sommer…

Wenn die Sonne untergeht, schwärmen die Mücken aus

Noch während ich mich im Hotelzimmer von der Last, der Sonne und den vielen Blicken erholte, bemerkte ich schnell, was mir hier in Bharatpur fehlte: Mückenspray! In den wenigen Minuten, in denen ich in meinem Zimmer saß, schwirrten ein paar dieser lästigen Viecher umher. Gekonnt eliminierte ich eine nach der anderen. Ich habe schon immer aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht. Zwei Kakerlaken, die durch das Zimmer huschten, erwischte es ebenfalls. Ich bin einfach kein Freund des tropischen Südens. Da nehme ich schlechtes Karma gerne in Kauf. Für ein Leben nach den Dharma-Regeln ist es für mich ohnehin schon zu spät – oder noch viel zu früh. Wie man es nimmt.

Sonnenuntergänge sind im Süden sehr besonders. (Dharan, März 2018)
Sonnenuntergänge sind im Süden besonders. (Dharan, 2018)

Am späten Nachmittag begab ich mich wieder hinaus auf die Straße und mitten hinein in die verwundert starrenden Blicke der Einheimischen. Meine allererste Investition in Bharatpur tätigte ich in Mückenschutz. Ein Spray, das laut Aufschrift Das Risiko vor Dengue-Fieber und Malaria um 30% senken sollte. Da ich trotz Wärme über 70% meines Körpers mit Kleidung bedeckt hielt, war ich mit dem Mückenspray so gut wie unsterblich. So jedenfalls meine Rechnung. Ich hatte Mathe im Leistungskurs gehabt – wird schon stimmen…

Wie überall im Süden beginnt auch in Bharatpur mit der Abenddämmerung die Zeit für Stechmücken. Ich benutzte das Spray unentwegt, fühlte mich aber trotz Mathematik auf meiner Seite erst wieder sicher, als ich innerhalb meiner eigenen vier Wände war.

Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor

Und nun kommen wir wieder zurück zu meiner verzwickten Lage im Hotelzimmer. Auf meinem Bett stehend, suche ich halbnackt mit meiner Stirnlampe ausgerüstet das Zimmer ab. Das Summen einer Mücke hat mich aus dem Bett katapultiert. Auf keinen Wecker der Welt reagiere ich schneller.

Den Hüttenschlafsack gibt es für 14,99€ bei Amazon.
Den Hüttenschlafsack gibt es für 14,99€ bei Amazon.

Allerdings habe ich bislang auch noch keinen tiefen Schlaf finden können. An der Sauberkeit lag es definitiv nicht. Ich hatte mir vor meiner Abreise dieses Mal einen ultradünnen Hüttenschlafsack besorgt, um nicht auf dem Bettbezug der einfachen Hotels schlafen zu müssen. Mit dem dünnen Schlafsack kann ich auch auf die Decke des Hotels verzichten. Es ist äußerst warm und stickig im Zimmer. Das Zimmer hat sich über den gesamten Tag aufgewärmt. Die Luft steht hier drin still, obwohl die beiden Fenster weit geöffnet sind. Dafür strömt umso mehr Straßenlärm ins Zimmer hinein. Das Tropfen im Bad nervt. Ich bereue ein wenig, dieses Zimmer ausgesucht gehabt zu haben. Diese falsche Entscheidung geht eindeutig auf meine Kappe.

Und jetzt ist auch noch diese Mücke irgendwo in meinem Zimmer. Ich habe also eine Mücke übersehen, als ich kurz vorm Schlafengehen auf Insektenjagd ging. Wie ärgerlich! Die Zeit verstreicht. Minute um Minute. Doch plötzlich erhasche ich im Augenwinkel eine Bewegung. Mein Mücken-Radar springt sofort an. Meine Augen tasten die Gegend ab. Und ja! Da ist sie! Hochkonzentriert verfolge ich die Flugbahn der Mücke. Nur nicht aus den Augen verlieren. Anmutig pirsche ich mich voran. Die Mücke fliegt in meine Richtung. Ihr Untergang.

Ich schlüpfe zufrieden wieder in meinen Hüttenschlafsack.
Insgesamt 4 Kakerlaken und 13 Mücken hat es in meinem Zimmer gedauert, ehe ich tatsächlich einen ruhigen, tiefen Schlaf finde. Gute Nacht, Bharatpur!


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Namasté! Schön, dass Du meinen Nepal Blog gefunden hast. Ich heiße Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

12 Antworten

  1. Brigitte Awada

    Du hast sehr anschaulich und informativ geschrieben. Es erinnert mich ein wenig an meinen Aufenthalt in einer kleinen Dorfschule in Bajarhatti vor gut 5 Jahren im Frühjahr. Zu dieser Zeit war es von den Temperaturen und der Mückenplage noch gut auszuhalten. Von Barathpur habe ich nur den Flughafen kennengelernt, dafür aber war ich mit nepalesischen Bekannten im Chitwan Nationalpark unterwegs und Sauraha habe ich wegen der Folkloreshow kennengelernt. Da ich gerade meine Reise noch einmal anhand von der Archivierung meiner Bilder erlebe, stieß ich bei der Suche nach detailierten Reiseberichten auf Deinen Blog, der nicht nur informativ sondern auch unterhaltsam ist.

    • Khai-Thai

      Liebe Brigitte, vielen Dank für Deinen Kommentar 🙂
      Es freut mich sehr, dass mein Beitrag über den Süden Nepal in Dir ein paar Erinnerungen hervorrufen konnte. Das klingt bei Dir nach einer sehr spannenden Zeit damals im Terai. Frühjahr ist wohl wirklich die einzig erträgliche Zeit dort im Süden…
      Herzlichen Gruß aus Frankfurt 🙂

  2. Beate

    Toll geschrieben – und beruhigend zu wissen, daß nicht nur ich auf Mücken so extrem reagiere 🙂 Es liegen 10 Leute und ich in einem Zelt – mit genau einer Mücke drin – ich kann drauf wetten, daß sie zielgerichtet auf mich zusteuert….Hab kurz gedacht: Der Teil wie Du die Mücken jagst, hätte auch von mir geschrieben sein können :). Das sind neben Motten die einzigen Viecher die ich „ermorde“ (auch mit schlechtem Gewissen wegen dem Karma und so….) ich sehe es dann immer mehr als : Selbstverteidigung 😉

    • Khai-Thai

      Hehe Selbstverteidigung ist eine tolle Möglichkeit sein Gewissen/Karma zu beruhigen – werde ich mir merken 😉
      Freue mich, dass dir mein Beitrag gefällt 🙂 Geteiltes Leid ist halbes Leid….
      LG

  3. Dirk Rohlf

    Khai-Thai.
    Ein sehr interessanter und informativer Bericht.
    Liest sich wie ein Abenteuerroman.
    Bewundere Dich, wie Du Strapazen und unbekanntes für einen sehr guten Zweck auf Dir nimmst.
    Habe das Gefühl , dass wir uns was Abentuer betrifft, sehr nahe stehen.
    Dir…..alle Achtung. Man sollte diese Berichte der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen .
    Lieber Grüsse
    Dirk

    • Khai-Thai

      Lieber Dirk,
      vielen Dank für Deine schönen Worte.
      Freut mich sehr, dass Du Freude an meinen Abenteuern und Berichten hast 🙂
      Liebe Grüße aus Kathmandu
      Khai-Thai

  4. Renate

    Witzig! Ich kann das Lied „Alle Mücken lieben mich“ im Schlaf singen. Ich bin für andere die beste Mückenabwehr. Die Mücken kommen alle zu mir. In Chitwan war ich im Dezember. Da war es kühler und die Mücken nicht so ein Problem.

    Herzliche Grüße
    Renate

    • Khai-Thai

      Hehe so kommt es mir auch irgendwie immer vor… Vielleicht sollte ich mal mit Dir reisen – Du scheinst ein sehr guter Mückenschutz zu sein 😉 Ja, in den Wintermonaten ist Chitwan angenehmer. Hoffe, Du hattest eine schöne Zeit 🙂

      Liebe Grüße
      Khai-Thai

  5. Thomas Gasser

    Hallo Khai, da hättest du ja mit einigen wilden Tieren zu kämpfen. Dann lieber ein Nashorn vor der Tür als diese Kerlchen im Zimmer

  6. Alice

    Überaus unterhaltsam geschrieben! 🙂 Vor genau zwei Wochen war ich auch noch in Chitwan – allerdings in besagtem Touristen-Ort. Unsere Maßnahme gegen Mücken: Ein mitgenommenes Mückennetz, das wir mit Power-Strips an jeder Hotelzimmerdecke anbringen konnten, ließ uns trotz Mücken, Käfern und Nashörnern selig schlummern. 😉

    • Khai-Thai

      Clever 😉 Soweit hatte ich damals nicht gedacht. Normalerweise bin ich ja nicht soweit südlich unterwegs… Hoffe, du hattest eine schöne Zeit in Chitwan 🙂

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