Um meine Person war es die letzten Wochen ruhig geworden. So schnell wie der schöne Frühsommer begonnen hatte, so schnell war er für mich auch wieder vorbei. Meine letzten Beiträge „Sehnsucht nach…“ und „Wenn die Zuversicht schwindet…“ ließen einen winzigen Blick in mein Seelenleben zu. Eines vorweg, tiefere Einblicke wird es nicht geben.
Der vergangene Sommer hatte seine eigene Geschichte. Ein Sommer zum Vergessen oder zum Erinnern – je nachdem, in welcher Gemütslage ich mich befinde. Glück und Unglück waren noch nie so nah vereint – eine Achterbahn der Gefühle. Selbstzweifel, innere Konflikte, längst verdrängte Ereignisse aus der Vergangenheit und eine leere Zukunft prägten die Gedanken – vor allem während der Nacht. Erklärungen werden gesucht, stattdessen werden nur weitere Fragen gefunden.
Der verkorkste Sommer zog sich in die Länge. Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. In meiner Welt wirft die Zeit nur noch mehr Fragen auf. Selbst eine Reise durch Italien brachte mich nicht auf andere Gedanken. Ohne Erfolge lassen sich Zweifel an der eigenen Person nicht besiegen. Wo ist das Selbstvertrauen hin? Wie konnte es so zerbrechen?
Mein eigener Buddhismus – das Leid anderer aufnehmen
An einem Sonntagabend mitten im September bekomme ich die Nachricht von einer guten Freundin, dass eine ihrer Freundinnen einen tragischen Schicksalsschlag erlitten hatte. Ich war erschüttert. In derselben Nacht fing ich an zu beten. Ich bin Buddhist – mehr aber Philosoph als Gläubiger. Im Laufe der Jahre habe ich daher mein eigenes Ritual entwickelt. Beten heißt für mich, das Leid anderer aufnehmen – also Mitgefühl entwickeln. Ihr Leid und ihr Schmerz wird zu meinem Leid und meinem Schmerz. Ich glaube nicht daran, dass es den Leidenden dann besser geht, bilde mir aber dennoch ein, dass dadurch eine Verbundenheit erzeugt wird, die dem Leidenden neue Stärke gibt.
In dem gut dreiviertel Stunden langen „Gebet“ entwickele ich so viel Mitgefühl, dass ich vor Leid weine. Ich bin äußerst verwundert, wie sehr mich dieser Schicksalsschlag mitgenommen hat, obwohl ich die betroffene Freundin insgesamt vielleicht nur zweimal kurz gesehen habe. Ich hatte das Bedürfnis nun „richtig“ zu beten und ein Räucherstäbchen zu entzünden. Da es schon mitten in der Nacht war, verschob ich es auf den morgigen Tag.
Der Schicksalsschlag führt mich zum unbekannten Mönch
Nach der Arbeit am späten Abend des nächsten Tages wollte ich eigentlich ins Frankfurter Tibethaus. Doch mitten auf dem Weg kamen mir Zweifel auf. Ich war zuvor noch niemals dort gewesen. Ist es wie ein Kloster? Sollte ich nicht einfach Zuhause am Altar beten? Wem versuche ich da etwas zu beweisen? Mir selbst, dass ich ein guter Mensch bin? Macht es mich nicht eher zu einem schlechten Menschen, wenn ich anderen zeigen will, dass ich ein guter Mensch bin? Ich wusste nicht mehr, was zu tun war und setzte mich auf eine Bank in einem nahegelegenen Park.
Ab jetzt wird es abstrus.
Zwei buddhistische Mönche spazieren am Weg entlang. Der eine ist wesentlich älter sowie einen Kopf kleiner als der andere. Sie kommen an mir vorbei. Unsere Blicke kreuzen sich. Sie lächeln. Ich grüße ebenfalls mit einem kurzen Lächeln. Sie laufen an mir vorbei. Plötzlich bleibt der Ältere stehen. Sein Begleiter bemerkt dies zunächst nicht. Der alte Mönch kommt auf mich zu.
Der alte Mönch (auf Englisch): „Du hast ein reines Herz.“
Ich schrecke kurz auf, meint er etwa mich?
Etwas überfordert kommt aus meinem Mund nur ein: „Wie bitte?“
Der alte Mönch lässt sich nicht beirren und setzt sich neben mich. Sein Begleiter eilt heran. Der Alte signalisiert ihm, dass es ihm gut gehe. „Alles in Ordnung. Ich möchte mich nur mit dem jungen Mann unterhalten.“
Er schaut mich an. Ich mustere ihn. Sein Gesicht hat unzählige Falten, die Haut leuchtet goldbraun, seine schmalen Augen gestochen scharf auf mich gerichtet. Vom Leben gekennzeichnet würde ich behaupten, aber dennoch strahlt er eine Güte aus, die ich seit Beginn des Sommers nicht mehr gesehen habe.
Er wiederholt seinen Satz nun als Frage: „Du weißt, dass du ein reines Herz hast?“
Ich bin erst unschlüssig, ob ich ihn ignorieren sollte, möchte aber dann doch wissen, wohin die Reise geht:
„Jeder Mensch hat ein reines Herz.“
Der alte Mönch: „Also glaubst Du an das Gute im Menschen.“
Ich: „Ich glaube, dass jeder Mensch gut ist. Und dass schlechte Menschen, das Gute in sich irgendwann verloren haben.“
Der alte Mönch: „Woher willst Du das wissen?“
Ich: „Ich weiß es nicht. Ich glaube daran. Ist das nicht der Kern von Religion? Etwas nicht erklären zu brauchen, weil man daran glaubt?“
Der alte Mönch beginnt zu lachen – ein herzliches Lachen – und wendet sich seinem Begleiter zu.
„Ich wusste, dass das eine interessante Unterhaltung werden würde.“
Sein Begleiter nickt lächelnd. Der Alte wendet sich wieder zu mir.
„Ich sehe das Gute im Menschen. Und ich sehe es in Dir. Ich sehe aber auch, dass Dich etwas bedrückt.“
Mein Lächeln verschwindet. Mein Kopf fängt an zu arbeiten. Wie viel hat meine Mimik und Gestik preisgegeben? Mit einer gewissen Skepsis schaue ich ihn an. Ich versuche, mich nicht manipulieren zu lassen. Habe aber keine Antwort parat. Er nutzt den Moment und fährt fort.
„Du hast etwas dunkles in Deiner Seele…“
Ich wollte „Jazz“ sagen, hielt es aber für respektlos. Stattdessen frage ich:
„Wissen Sie, was es ist?“
Der alte Mönch lacht erneut: „Wie soll ich wissen, was Dich bedrückt. Ich bin kein Hellseher. Aber ich kann Dir sagen, was immer es ist, passe auf, dass Du das Gute nicht verlierst. Angst, Trauer, Selbstzweifel, Wut, Verbitterung, Neid sind in der Lage Dich für immer zu verändern. Es wäre zu schade, wenn ein reines Herz zerstört wird.
Ich: „Vielleicht ist es dafür schon zu spät…“
Der alte Mönch selbstsicher: „Nein, ist es nicht.“
Ich: „Woher wollen Sie das wissen? Sie sind doch kein Hellseher.“
Der alte Mönch lacht: „Du hast Recht. Ich bin kein Hellseher. Ich weiß nicht, ob es nicht schon zu spät ist. Ich glaube einfach daran. Keine Erklärungen notwendig – wie auch mit der Religion.“
Ich muss über diese Schlagfertigkeit doch schmunzeln: „Und was sollte ich Ihrer Meinung nach tun?“
Der alte Mönch: „Halte am Guten und am Schönen fest. Alles andere wird sich ergeben.“
Ich: „Und wo finde ich das Gute und Schöne?“
Der alte Mönch: „Das hast Du bereits gefunden.“
Eine kurze Stille legt sich. Ich erinnere mich an eine sorgenfreie Zeit.
Ich: „Aber was ist, wenn das Gute der Auslöser der Dunkelheit in meiner Seele ist?“
Der alte Mönch: „Das Gute löst nie etwas schlechtes aus. Alles passiert aus einem gewissen Grund. Wenn Du den Grund noch nicht erkennst, ist er auch noch nicht gekommen. Es wird einen Grund geben. Die Zeit wird Dir die Erklärung geben. Bis dahin halte am Guten fest.“
Ich: „Auch wenn das Loslassen einfacher ist?“
Der alte Mönch: „Das Leben ist nie einfach. Ich halte seit über 50 Jahren schon am Guten fest. Alles passiert aus einem gewissen Grund. Manchmal dauert es eben länger, um es herauszufinden.“
Ich: „Und bis dahin?“
Der alte Mönch: „Bis dahin, werde deinem Namen gerecht! Sei für Deine Mitmenschen da, stehe ihnen zur Seite, leide mit ihnen, freue dich für sie, verhelfe Ihnen zum Glück. Auch wenn Du meinst, es sei gleichbedeutend mit Deinem Unglück. Gute Menschen mit reinem Herzen wie du sind in der Lage Mitmenschen zu prägen. Werde deiner Person gerecht! Werde deinem Namen gerecht!“
Sprachlos sitze ich da und denke nach. Einige Momente vergehen, ehe der alte Mönch meinen Arm berührt und mir mit seinem gütigen Blick so etwas wie Das wird schon vermittelt. Sein Begleiter hilft ihm dabei, sich aufzurichten. Ein letztes gütiges Lächeln und schon setzen die beiden ihren Weg fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich bin total mitgenommen von den Worten und von der Tatsache, dass mein Name übersetzt: „Öffne das Glück“ bedeutet….
harry peck
Ich weiß nicht was ich sagen soll….Nach dem Lesen dieser zeilen…wurde mein herz plötzlich so groß wie das Universum ……harry
Khai-Thai
🙂