Schulsystem in Nepal – Schulausbildung in Nepal

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Das Schulsystem in Nepal unterscheidet sich von dem uns bekannten aus Deutschland. Direkte Vergleiche zwischen der Form und der Art der Ausbildung sind daher nicht möglich. In Nepal gibt es sowohl öffentliche (staatliche) Schulen als auch eine Vielzahl an privaten Schulen und Wohltätigkeitseinrichtungen. Die Zahl der privaten Schulen übersteigt dabei die Zahl der staatlichen auf ein Vielfaches – insbesondere in den Städten.

Private Schulen in Nepal sind in der Regel keine schicken Schulen für die reiche Oberschicht des Landes. Die meisten privaten Schulen richten sich an die Mittelschicht und wurden von Privatpersonen gegründet und werden als „Social Business“ geführt. Die dort verlangten Schulgebühren sind in der Regel höher als bei staatlichen Schulen. Allerdings ist dabei die Bildung in privaten Schulen höher anzusehen, da die Klassenräume der staatlichen Schulen überfüllt sind und die meisten Unterrichtsfächer nicht auf Englisch gelehrt werden.

Im Allgemeinen ist die Schulausbildung in Nepal immer mit Kosten verbunden. Nicht nur Schulmaterialien und Schulbücher sondern auch die Schulgebühren müssen von den Familien der Kinder selbst getragen werden. Hinzu kommen zusätzliche Kosten für Schuluniform und (später im College) für praktische Übungen sowie Klausuranmeldungen.
Diese zum Teil immensen Kosten können sich viele Nepalesen nicht leisten. Kinder aus Familien, die an der Armutsgrenze leben, haben von Anfang an, schlechtere Chancen auf eine gesicherte Zukunft. Auch Familien aus der Mittelschicht leiden unter dem hohen Kostendruck.
Genau aus diesem Grund ist eine Förderung dieser Wohltätigkeitseinrichtungen und die Übernahme von Patenschaften äußerst wichtig. Diese Schulen werden oftmals von ausländischen Spenden finanziert und ermöglichen somit Kindern aus armen Verhältnissen eine ordentliche Schulausbildung.

Das Schulsystem in Nepal im Aufbau

Primary School
Das Schulsystem in Nepal beginnt mit der Primary School. Oftmals ist die Primary School mit einer Nursery (Kinderkrippe) und zwei Kindergartenklassen (LKG=Lower Kindergarten; UKG=Upper Kindergarten) verbunden. Die Kinder in der Primary School besuchen die Klassen 1 bis 5. Vergleichen lässt sich die Primary School mehr oder weniger mit der Grundschule in Deutschland.

Secondary School
Das Schulsystem in Nepal sieht vor, dass im direkten Anschluss an die Primary School die ebenfalls fünfjährige Ausbildung in der Secondary School (Klasse 6-10) folgt. Anders als in Deutschland ist es aber in Nepal oftmals so, dass eine einzelne Schule beide Schulformen – Primary und Secondary School – führt. Soll heißen, dass Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten über Klasse 1 bis 10 theoretisch durchgehend in einer Schule bleiben könnten, sofern sie für die folgenden Schulgebühren der Secondary School aufkommen.
Ein weiterer Unterschied zum deutschen Schulsystem ist, dass es beim Schulsystem in Nepal keine verschiedenen Schulzweige gibt. Nepalesische Kinder können sich folglich nicht zwischen einem Gymnasium, einer Realschule oder einer Hauptschule entscheiden.

Das SLC am Ende der Secondary School
Am Ende der 10. Klasse – also am Ende der Secondary School – erwarten alle Schülerinnen und Schüler die finalen, landesweiten Schulabschlussklausuren, das SLC (School Leaving Certificate). Von der Wichtigkeit und dem Lernaufwand ist das SLC mit dem deutschen Abitur vergleichbar – ist aber definitiv nicht dasselbe! Mit Bestehen des SLC entscheidet sich nämlich der komplett weitere Weg eines Schülers. Allerdings steht die Schwierigkeit dieser Abschlussklausuren in keinem Verhältnis zu der nur durchschnittlichen Ausbildung während der Schulzeit! Aufgrund der hohen Durchfallquote dieser landesweiten Klausur ist das SLC ist bei den Kindern  äußerst gefürchtet. Die meisten Schulkinder, die das SLC nicht bestehen, sind Schülerinnen und Schüler in Dorfschulen.

Problematik der Secondary School
Die Hauptproblematik besteht darin, dass die allgemeine Schulausbildung in Nepal mit Kosten verbunden ist. Dadurch wird die Qualität der Ausbildung vom Preis abhängig gemacht. Privatschulen, die deutlich höhere Schulgebühren als staatliche (öffentliche) Schulen verlangen, sind mit besseren Schulmaterialien und moderneren Einrichtungen ausgestattet. Vor allem durch Spenden finanzierte Wohltätigkeitseinrichtungen müssen mit ihrem Budget sorgfältig umgehen, sodass die Qualität der Lehrkräfte darunter leidet. Hinzu kommt, dass bei einem Schulsystem von einer nur fünfjährigen Secondary School viel zu viel Wissen in einer viel zu kurzen Zeit vermittelt wird. In Mathematik aus Klasse 10 werden Themen und Schwierigkeitsstufen behandelt, die in Deutschland erst im Abiturjahr durchgenommen werden – und das auch nur im Leistungskurs!
Man rast von einem Schulbuchkapitel zum anderen. Es geht nicht hauptsächlich um das Verstehen, sondern um das Merken des Inhaltes. Es wird viel aus Textbüchern abgeschrieben und auswendig gelernt; dabei kaum Wert auf eigene Formulierungen gesetzt. Aber das ist wohl im asiatischen Raum „normal“ und entspricht der Tradition.

Higher Secondary School
Werden die finalen Abschlussklausuren (SLC) bestanden, sind Schülerinnen und Schüler in Nepal zu einer Higher Secondary School zugelassen. In der Regel beträgt die Ausbildung in einem College 2-3 Jahre. Allerdings ist die Higher Secondary School weder eine Universität noch eine im deutschen Schulsystem bekannte Oberstufe. In der Higher Secondary School wird kein allgemeines Schulwissen mehr gelehrt, sondern schon sehr spezifisch, je nachdem welche Fachrichtung gewählt wurde (z.B. Management, Kunst, Tourismus, Naturwissenschaften, Medizin etc.). Erst mit Abschluss der Higher Secondary School ist man für ein College zugelassen!
Folglich ist das SLC nicht wirklich die Hochschulreife, sondern eher die mittlere Reife. Zwar nicht nach dem Wissensstand, sondern nach den Möglichkeiten, die sich nach Abschluss des SLC ergeben. Denn ähnlich wie bei der mittleren Reife ist es den Absolventen des SLC gestattet, einen Beruf anzutreten. Mit diesem geringen Abschluss ist die berufliche Perspektive allerdings sehr beschränkt.

Problematik der Higher Secondary School
Die Hauptproblematik der Higher Secondary School in Nepal ist, dass nur die höhere Mittelschicht ihren Kindern diese wichtige weiterführende Ausbildung ermöglichen kann. Allerdings auch nur dann, wenn die Kinder noch im gemeinsamen Haus leben.
Für Kinder aus den Dörfern oder Waisenkinder wird es umso teurer, da sie auch noch für ihre Unterkunft am Campus, die eigene Verpflegung sowie Schulmaterialien aufkommen müssen! Somit ist die Chancengleichheit und damit auch eine Perspektive für ärmere Menschen in Nepal nicht gegeben.
Denn der Besuch der Higher Secondary School ist der entscheidene Schlüssel in Nepal zu einer beruflichen Karriere und der erste Schritt auf dem akademischen Pfad.
Kinder aus den entlegenen Dörfern Nepals, die beispielsweise noch das Glück hatten, in eine Wohltätigkeitseinrichtung aufgenommen zu werden, müssen nach der Secondary School zurück in ihre Dörfer und werden somit einer guten beruflichen Perspektive für ihre Zukunft beraubt.

College
Das Schulsystem in Nepal sieht nach Beenden der Higher Secondary School den Besuch eines College vor. In einem College werden Bachelor-Studienprogramme gelehrt. Sie unterscheiden sich von den staatlichen Universitäten, da Colleges private Bildungsunternehmen darstellen. Somit sind die College-Gebühren auch immens hoch. Zusätzliche Kosten für praktische Kurse müssen von den Schülerinnen und Schülern ebenfalls selbst getragen werden.


Wir hoffen, dass wir Euch mit unseren Informationen einen Einblick in das Schulsystem in Nepal gewährt zu haben. Wir können uns überaus glücklich schätzen, dass wir in Deutschland keine Schul- und Studiengebühren zahlen müssen. Vielleicht versteht Ihr nun besser, wieso wir uns so sehr für die Bildungsmöglichkeiten von Kindern in Nepal einsetzen.

Solltet Ihr weitere Fragen zu diesem Thema haben, oder wenn Ihr wissen möchtet, wie Ihr den Schulkindern bei der Ausbildung helfen könnt, kontaktiert uns einfach.
Wir freuen uns auf Eure Nachricht.

Verfolgen Khai-Thai:

Namasté! Schön, dass Ihr meinen Nepal Blog gefunden habt.
Mein Name ist Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort.
In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte – Einfach mein-Nepal eben ;)

8 Responses

  1. Marius

    Hallo,
    vielen Dank für die Antwort. Das Interesse besteht weiterhin. Könnten sie mir ihren Namen zukommen lassen? Dann kann ich die Internetquelle belegen. Ich habe es auch so erlebt, wie sie es beschreiben.

    Viele Grüße
    Marius

  2. Snowland

    Hallo Marius,

    zu allererst einmal viel Erfolg für Deine Bachelor-Arbeit! Hört sich nach einem sehr interessanten Thema an!
    Natürlich kannst Du gerne Informationen aus meinem Eintrag verwenden. Allerdings muss ich sagen, dass eine 100%-ige Richtigkeit ich nicht gewährleisten kann, da der Bericht auf eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit Einheimischen basiert. Eine richtige Recherche habe ich nicht betrieben.
    Da wäre wohl eines der nepalesischen Konsulate wohl der bessere ANsprechpartner…
    Aber falls das Interesse weiterhin bestehen sollte, einfach melden! 🙂

  3. Marius

    Hallo snowland,
    ich sitze momentan an meiner Bachelorarbeit zu einem Schulprojekt in Nepal-Patan. Ich erkläre in einem Kapitel, wie das Schulsystem in Nepal aufgebait ist. Dazu habe ich auch Inforamtionen aus ihrem Beitrag übernommen. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich ihre Webside angebe. Wenn es in Ordung wäre, dann wäre ihr Name zu Angabe des Autors sinnvoll.
    Besten Dank.

    Viele Grüße
    Marius

  4. Snowland

    Hallo lieber Besucher,
    ich muss mich für die Unklarheiten in meinem Bericht entschuldigen… Kostenfrei sind meistens nur die staatlich geführten Primary Schools.
    Bei privat geführten Schulen – auch die, die von ausländischen Organisationen unterstützt werden – kann es dazu kommen, dass man für ein Kind einen Paten benötigt, um dessem Ausbildung zu finanzieren.

    Da Sie vom Annapurnagebiet sprechen, gehe ich davon aus, dass aufgrund der schlechten Infrastruktur der Staat Nepal, sich nicht um die dortigen Kinder „kümmert“ und private Wohltäter sich dieser Aufgabe bemächtigen.

    Ob die Kosten von 150€ bzw. 250€ im Jahr zu hoch sind, kann ich nicht beurteilen, weil dies von vielen Dingen abhängt – wie beispielsweise Anzahl der Kinder und ob die Kinder auch dort leben…
    Den Anstieg der Kosten hängt it der Inflation im Lande zusammen. Zudem war der EURO im Jahr 2004 durchaus stärker als in den letzten Jahren.

    Ich hoffe, ich konnte Ihnen etwas weiterhelfen. Bei weiteren Fragen, einfach melden 🙂
    Betse Gruß!

  5. 342567 0

    Hallo,
    ich habe eine Frage zum Schulsystem in Nepal!
    2004 habe ich mit einer privat geführten Reisegruppe eine Reise ins Annapurnagebiet unternommen.
    Seitdem unterstütze ich finanziell ein Nepali-Mädchen in Sachen Schulgeld, also ab der 1. Klasse (Primary-School).
    Anfangs waren es ca. 150 EURO; jetzt an die 250 Euro/Jahr.
    Der Kontakt zum Mädchen (Familie)und auch die Geldtransfers liefen und laufen über den damaligen Tour-Guide.
    In ihrem Bericht über das nepalische Schulsystem schreiben sie jedoch, dass die Primary-School nicht kostenpflichtig sei.
    Bitte um baldige Antwort.
    Gruß

  6. Snowland

    Hallo Ecki,

    ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich gehe davon aus, dass es in Nepal keine Schulpflicht gibt.
    Durch die Einführung der kostenfreien Primary Schools wollte die nepalesische Regierung wohl einen Anreiz für Eltern schaffen, ihre Kinder in die Schulen zu schicken.

    Vor allem in den Dörfern außerhalb der Hauptstadt wird kaum etwas anderes als Landwirtschaft betrieben. Für Familien ist dies oftmals die einzige Einnahmequelle, sodass die Kinder schon von früh auf in die Arbeit mit einbezogen werden. Da die Schulausbildung auch noch Geld kostet, und die Eltern dadurch wertvolle „Arbeitskraft“ bzw. Hilfe im Haushalt verlieren würden, bleibt vielen Kindern eine ordentliche Ausbildung verwehrt.

    Nach der Secondary School – also nach der 10. Klasse – gibt es für diejenigen, die sich nicht für ein College entscheiden, kaum Perspektive. Die meisten würden wohl ihren Familien bei der Arbeit helfen und schließlich eines Tages, das Feld/den Shop/die Garküche ganz übernehmen…

    Ich hoffe, ich konnte Deine Fragen halbwegs beantworten. Aber ich werde mich sicherlich über dieses Thema weiter informieren, wenn ich das nächste Mal wieder vor Ort bin 🙂

    LG, Khai

  7. eckisupdate

    Hallo Khai,

    vielen Dank für die interessanten Infos über das Schulsystem.
    Ich habe noch ein paar Fragen,
    besteht eine Schulpflicht für Primary und Secondary School?
    Was für Chancen haben die Schüler nach der Secondary einen Job oder Ausbildung zu finden?

    LG
    Ecki

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