Miteri – Eine alte Tradition, die „Kasten“ verbindet

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Es sind die kleinen Traditionen, die Nepal zu dem machen, was es ist.

Je mehr Zeit ich in Nepal verbringe, desto tiefer tauche ich in die faszinierende Kultur des Landes ein. Damit meine ich nicht in erster Linie die großen Feiertage und Feste, sondern die verborgenen Traditionen, die still und heimlich Nepal zu dem machen, was es ist. Von Reisenden unbemerkt (und unbeachtet) sind es die kleinen Dinge, die Nepals Gesellschaft formen. Ähnlich wie die eher unbekannte Tradition Sora Shradda, gehört auch Miteri zu jenen uralten Bräuchen, die das Gesellschaftsleben in Nepal bis heute prägen.

Die Miteri-Tradition überwindet religiöse, regionale und soziale Barrieren einer ehemaligen Kastengesellschaft und verbindet Familien unterschiedlicher Kasten miteinander. Obwohl das Kastensystem in Nepal schon längt abgeschaffen wurde, ist die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppierung noch immer in den Köpfen vieler Nepalesen tief verankert. Bis heute hilft die Miteri-Tradition diese Grenzen zu überschreiten, um die nepalesische Gesellschaft im Ganzen zu stärken. Nichtsdestotrotz ist es eine Tradition, die langsam unter Nepalesen immer mehr verschwindet.

Eine Brüderschaft bzw. Schwesternschaft zwischen zwei Personen, die ganze Familien verbindet

Die Miteri-Tradition unterliegt immer einer Verbindung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts, aber unterschiedlicher ethnischer Gruppierung. In der Regel kennen sich die zwei Personen und sind sogar miteinander befreundet. Die Miteri-Tradition macht aus der einfachen Freundschaft ein weit tiefergehendes Freundschaftsbündnis. Dieses spezielle Bündnis muss von mindestens einem Familienmitglied akzeptiert und arrangiert werden. In der Regel ist auch ein Priester anwesend, der die Zeremonie leitet.

Die Tradition sieht vor, dass während einer Miteri-Zermonie die beiden Freunde unter einem großen Stofftuch sitzen. Beide segnen sich gegenseitig mit dem gleichzeitigen Auftragen einer Tika und übergeben sich daraufhin Geschenke. Nachdem der Priester das Miteri-Bündnis zwischen den beiden Freunden offiziell beschlossen hat, nennen sich die beiden Freunde gegenseitig „Mit“ (bei Jungs) bzw. „Mitini“ (bei Mädchen). Danach wird eine kleine Feier organisiert, bei der die Freunde des jeweiligen „Mit“ bzw. der jeweiligen „Mitini“ eingeladen sind.

Miteri - Die uralte Tradition, die in Nepal unterschiedliche Kasten verbindet.
Miteri – Eine schöne, alte nepalesische Tradition.

Mit diesem Miteri-Bündnis werden nicht nur zwei Freunde, sondern ganze Familien miteinander verbunden. Der „Mit“-Freund nennt sogar die Eltern seines „Mit“ nun auch „Mit“-Ba („Mit“-Vater) bzw. „Mit“-Ama („Mit“-Mutter). Zu sämtlichen Familienfeiern, seien sie nun aus religiösen oder kulturellem Anlass, ist nun auch der „Mit“ bzw. die „Mitini“ des eigenen Kindes eingeladen. Dieses besondere Bündnis besteht ein Leben lang. Dennoch hat der „Mit“ bzw. die „Mitini“ kein Erbrecht, wenn sein „Mit“-Partner bzw. ihre „Mit“-Partnerin stirbt. Allerdings besteht eine gesellschaftliche Pflicht, dem anderen bei Problemen (finanziell) zu unterstützen.

 

Die Wichtigkeit der Miteri-Tradition in Nepal

Die jahrhundertealte Tradition ist aus der ethnischen, religiösen und kulturellen Diversität Nepals entstanden. Sie hat die sozialen Interaktionen zwischen einzelnen Kasten eines äußerst komplexen Systems gefestigt, um eine vollständige Abschottung innerhalb der eigenen Kaste zu vermeiden.

Grundsätzlich herrscht heute in Nepal der Anschein, dass viele Kasten und ethnische Gruppierungen sich im Alltagsleben vermischt haben. Toleranz gegenüber anderen ethnischen Sprachen und Religionen ist in Nepals Gesellschaft weit verbreitet. Nichtsdestotrotz ist eine tiefere soziale Interaktion mit Mitgliedern aus anderen Gruppen kaum vorhanden. Die „Miteri“-Tradition hilft dagegen und sorgt für größeren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eine nur wenig bekannte Tradition

Wie unbekannt letztendlich dieser wundervolle Brauch außerhalb Nepals ist, sieht man anhand der überschaubaren Informationen im Internet. Während meiner Kurz-Recherche fand ich nur einen brauchbaren Artikel dazu. Darin beschreibt ein in Nepal lebender Moslem sein spezielles Bündnis mit einem hinduistischen Nepalesen. So feierten beide Freunde stets die jeweiligen religiösen Feste der anderen Religion mit. Mehr dazu hier.

Unter Nepalesen leben. Das besondere an mein-Nepal.
Unter Nepalesen leben. Das besondere an mein-Nepal.

Ich freue mich, dass ich Nepal-Fans immer wieder „neue“ Traditionen vorstellen kann. Das gelingt aber nur, weil ich während meiner Aufenthalte in Nepal fast ausschließlich mit Einheimischen meine Zeit verbringe. Ich glaube, dass ich mich dadurch auch von vielen ausländischen Menschen sowie den ganzen Entwicklungshelfern, die in Nepal in einer Blase leben, unterscheide. Denn dadurch, dass ich gemeinsam mit Nepalesen lebe, lerne ich viel mehr über die Kultur und das Alltagsleben als in jedem Buch steht. Ich lebe mit derselben Freude wie sie. Mit denselben Sorgen und mit demselben Ärger. Ich lerne immer mehr ihre Sprache sprechen – im wahrsten Sinne des Wortes.


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Demnächst lese ich folgendes Buch. Ob ich darin auch etwas über diese Tradition erfahre?

Geschichte Nepals - Axel Michaels
Geschichte Nepals – Axel Michaels
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Namasté! Schön, dass Du meinen Nepal Blog gefunden hast. Ich heiße Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

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