So schön die 15-tägigen Festtage auch sind, Dashain ist traditionell auch das blutigste Festival Nepals. Es ist keine gute Zeit für Büffel, Ziegen und Hühner. Wo man auch hinsieht, das Blut fließt. Nepal im Blutrausch. An diversen Tempeln finden Massenschlachtungen statt, die der Gottheit Durga geopfert werden. Aber auch in privaten Haushalten wird geschlachtet. Zumeist Ziegen.

Am frühen Morgen reißen mich die Angstschreie einer Ziege aus dem Schlaf. Benommen schaue ich durch das Zimmer. Nein, hier steht zum Glück keine Ziege. Die Schreie lassen nicht nach. Sie sind ganz in der Nähe. Ich schaue aus meinem Fenster zwei Stockwerke hinab in den Garten an unserem Gebäude. Dort erblicke Ich meinen lebendigen Wecker. Es ist eine Ziege, die an einen Holzpfahl angebunden ist. Und da Ziegen keine Haustiere sind, weiß ich sofort, was dem Tier bald droht.
Dass aber „bald“, schon „so bald“ ist, habe ich natürlich nicht erahnen können. Zwei junge Nepalesen tauchen auf. Es sind die Söhne der Familien im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk. Der eine hält einen großen Bottich. Der andere ein großes, traditionelles Messer. Etwas ungestüm behandeln sie das Tier, ehe dann alles ganz schnell geht. Mit einem kräftigen Hieb wird dem Tier der Kopf abgeschlagen. Der leblose Körper fällt zur Seite. Schnell wird der Bottich geholt, um das Blut aufzufangen. Nachdem der Blutrausch ein Ende gefunden hat, wird die tote Ziege zurück ins Haus getragen. Heute wird es bei den Familien wieder Fleisch geben. Und ganz traditionell wird das Fleisch mit allen im Haus geteilt. Auch mit den Menschen in unserer Unterkunft im zweiten Stockwerk.
Und genau das ist das entscheidende, was ich an Nepal so faszinierend finde. Während wir dem Geiz-ist-geil-Faktor auferlegt sind, und nur nach Schnäppchen suchen, um mehr und mehr für uns selbst zu beanspruchen, wird in Nepal geteilt. Selbst dann, wenn das eigene für einen selbst eigentlich nicht einmal genug ist.
Alle Beiträge von meiner 11. Nepal-Reise findet hier in chronologischer Reihenfolge.
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