Nepal ist uns um einiges voraus…

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Nepal ist uns um 57 Jahre voraus.

Heute darf in Nepal gefeiert werden. Mal wieder. Aber ausnahmsweise nicht dank einer der Abermillionen Gottheiten. Ja, auch Götter müssen sich manchmal hinten anstellen. Heute ist in Nepal nämlich ganz unspektakulär „nur“ Neujahr. Mit unserem wilden Silvester-Partys ist der nepalesische Jahreswechsel partout nicht zu vergleichen. Und das ist auch gut so. Es geht gediegen zu. Fast sogar unausgesprochen. Das bringt das Alter wohl mit sich – eine gewisse Reife, eine gewisse Portion Ruhe. In Nepal ist man uns nämlich um einiges voraus. Um ganze 57 Jahre, um genau zu sein. Auf dem Dach der Welt herrscht ab heute schon das Jahr 2075 – dem Bikram Sabat Kalender sei Dank!

„Ich finde es schön, dass das nepalesische Neujahr nicht wie in den meisten Orten der Welt mit riesigen Tohuwabahu eingeläutet wird. Dieses zwanghafte Feiern zum Jahreswechsel, das kulturell keinerlei Bedeutung hat und im Prinzip nur das Wechseln des an der Wand hängenden Kalenders huldigt, ist mir ohnehin suspekt.“ (Khai-Thai am 13.04.2016)

Es geht im Großen und Ganzen heimisch zu – wenn denn überhaupt so etwas banales wie ein Jahreswechsel mal gefeiert wird. Aber selbst bei den großen Festivals Dashain, Tihar, Lhosar, Indra Jatra, Shivaratri  und wie sie nicht alle heißen, verläuft alles sehr familiär. Grundsätzlich steht die Familie und das Miteinander im Vordergrund. Auch in diesen Sachen ist uns Nepal weit voraus. Nicht nur im Kalender. Vor allem im Bereichen der Familie und des Gesellschaftslebens, der Liebe und Fürsorge, sowie des wahren Glücks können wir noch viel von Nepal – und den meisten asiatischen, afrikanischen und arabischen Kulturen – lernen.

Ihr kennt sicherlich jemanden, der so aussieht.
Ihr kennt sicherlich jemanden, der genau so aussieht.

Während wir hier direkt mit dem 18. Lebensjahr nach Unabhängigkeit und Individualität streben, lernt man dort Verantwortung und Fürsorge. Wie oft sehe ich in Deutschland sehr junge Menschen in eigenen Wohnungen, die von den Eltern mitbezahlt werden. Wo ist da die Unabhängigkeit? Alleine zu leben, um tun und lassen zu können, was man will, ist nicht unabhängig, wenn man den Eltern noch zu Lasten fällt. Es ist engstirnig und vor allem egoistisch. Jeder behauptet anders sein zu möchten. Aber wo ist die Individualität, wenn man wie jeder zweite mit Bart, enger Hose, Stiefel und Jutebeutel durch die Gegend hüpft? Anders sein mit Apple und Samsung? Na, viel Glück damit. Niemand möchte ganz individuell sein. Jeder möchte irgendwo dazugehören. Und das ist auch verständlich.

Während wir bei uns Zugehörigkeit an materiellen Dingen festmachen, ist es in vielen Kulturen der Welt anders. Es sind tatsächlich die inneren Werte, die zu Zusammenhalt und zu einem engen Zusammenleben führen. Man lernt von Klein auf eine ganz andere Verantwortung. Nicht wie hier eine individuelle Verantwortung für einen selbst, sondern die Verantwortung für Menschen, die einem nahe liegen. Das Miteinander ist viel stärker ausgeprägt, weil dort das Familiäre im Vordergrund steht. Darin ist uns Nepal voraus.

Ein Leben für ein Miteinander.
Ein Leben für ein Miteinander.

Aber vielleicht erkennen wir es einfach nicht, weil wir es von Klein auf so beigebracht bekommen hatten. Das sind doch nur Entwicklungsländer. Die müssen sich noch „entwickeln“. Das mag durchaus sein, wenn man Entwicklung an materiellen Gegenständen festmacht. Keine Frage, der Lebensstandard ist in Nepal weit von dem deutschen Standard entfernt. Aber ist das Leben dort dann so viel schlechter? Sind die dortigen Menschen nicht auch glücklich? Es ist eben ein anderes Leben und ein anderes Glück in Nepal. Nicht besser, nicht schlechter – nur anders. Dort herrscht nämlich ein anderer Fokus. Der Fokus auf ein Gemeinschaftsleben und eben nicht wie hier auf Konsumgüter, mit denen wir uns unsere Identität schaffen.

Vielleicht brauchen wir nur etwas mehr Zeit, um dies zu erkennen. Schließlich ist uns Nepal um 57 Jahre voraus. Happy New Year 🙂

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Namasté! Schön, dass Ihr meinen Nepal Blog gefunden habt. Mein Name ist Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

4 Responses

  1. Marie

    Namaste!

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel mit viel Inhalt, wie ich finde. Und ich muss sagen, dass genau diese Selbstlosigkeit und den Zusammenhalt der Nepalesen, den du beschreibst mich dort so fasziniert hat.

    Ich war im Herbst 3 Monate in Nepal unterwegs, habe viel Zeit mit den Menschen dort verbracht, gute Freunde gefunden und die tollsten Erfahrungen gesammelt, die sich garnicht so leicht zusammenfassen lassen, ohne gleich einen Roman zu schreiben 😀

    Die Leute dort haben kaum etwas, sitzen jeden Abend gemütlich zusammen, machen Musik und sind einfach glücklich
    Familie steht an oberster Stelle, dann kommen Gäste und Freunde, so mein Eindruck vom Land.

    Und wenn das nächste Hindufest ansteht, gehen die Leute am Vortag eben zum nächsten Fluss und fangen über Stunden mit den Händen kleine Fische, und wenn das Haus nicht sauber ist, dann wird eben Schule geschwänzt und den ganzen Tag geputzt.

    Liebe Grüße,
    Marie

    • Khai-Thai

      Namaste Marie,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich sehr zu lesen, dass Du während Deines Aufenthaltes in Nepal ähnliche Erfahrungen zum Thema familiäres Glück sammeln konntest. Und hoffentlich werden Dich diese Erfahrungen mehr prägen, als dass es bei den meisten Touristen der Fall ist. Denn was bringt es, wenn man Neues kennenlernt, dieses als gut wahrnimmt und dann trotzdem zu Hause dann nicht selbst anwendet?

      Mit Deinem letzten Absatz kann ich mich aber beim besten Willen nicht anfreunden. Eine solche pauschale und extreme Romantisierung der „einfachen Lebensweise“ spiegelt in keinster Weise das Leben in Nepal wider und verfestigt wiederum neo-kolonialistische Denkmuster sowie die Ästhetisierung von Armut in Ländern des Globalen Südens.

      Liebe Grüße
      Khai

  2. Karin Osswald

    Hallo Khai – Thai,
    ein ganz wunderbarer Bericht. Ich danke dir ganz herzlich dafür. Du sprichst mir aus dem Herzen. Auch ich habe die familiäre Fürsorge und Liebe in Nepal und anderen asiatischen Länder kennengelernt und kann leider nur bestätigen das dies bei uns in der westlichen Welt mehr und mehr verloren geht.
    Meine größte Verantwortung im Leben war für mich diese Werte an meine Kinder weiterzugeben und Vorbild zu sein.
    Also nochmals vielen Dank für diesen weiteren wunderbaren Bericht.
    Namaste
    Karin

    • Khai-Thai

      Hallo Karin,
      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. Ich freue mich, dass Du Nepal und andere asiatische Länder so kennengelernt hast, wie ich in meinem Blog-Eintrag beschrieben habe. Manchmal habe ich wie Du das Gefühl, dass wir in unserer westlichen Welt das Wesentliche immer mehr aus den Augen verlieren…
      Schön aber, dass Du über den Horizont blickst, und Deinen Kindern so wundervolle Werte mitgegeben hast. 🙂
      Liebe Grüße
      Khai-Thai

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