Zwischen zwei Welten

Ein letztes Foto über den Dächern von Kathmandu. (Foto: Khai-Thai Duong)
Ein letztes Foto über den Dächern von Kathmandu, aufgenommen von unserem Dach. (Foto: Khai-Thai Duong)

Während der Taxifahrer meinen knapp 35KG schweren Koffer in das Fahrzeug hievt, richte ich meinen Blick ein letztes Mal auf die Umgebung, die ich die letzten 50 Tage mein Zuhause nannte. Mein Kopf ist völlig leer. Gedankenlos sauge ich die letzten Eindrücke in meiner Nachbarschaft auf, als hielte mich jede Sekunde, die ich mit kostbaren Erinnerungen fülle, von meiner Abreise ab. Zum ersten Mal an diesem heutigen Morgen spüre ich Wehmut. Ich spüre, wie meine Beine mich nicht mehr von einem Ort zum anderen tragen möchten. Ich spüre, wie meine Füße mit dem Boden verwurzeln. Ich möchte hier nicht weg. Ich ertappe mich dabei, wie ich es zulasse, dass meine Gedanken verrückt spielen dürfen. Was wäre, wenn ich meinen Rückflug einfach verpasse? Was wäre, wenn ich kommenden Samstag einfach nicht auf der Arbeit erscheine?

„Sir… Sir…“, reißt mich der Taxifahrer aus meinen Gedanken. Ich brauche einen kurzen Moment, um zu erkennen, dass er mein Gepäck sicher auf der Rückbank verstaut hat und nun an der Beifahrertür darauf wartet, dass ich einsteige. „Safe journey“, höre ich den Inhaber des kleinen Shops direkt gegenüber meiner Unterkunft rufen, als ich schwermütig in den Wagen steige. Ich setze ein freudloses Lächeln auf und nicke ihm zu. Mit einem lauten Knall schlägt der Fahrer seine Tür zu. Der Zündschlüssel wird umgedreht und mit knatterndem Motor entfernen wir uns langsam von meinem Zuhause.

Ich blicke kurz durch die Heckscheibe zurück und bin froh, dass ich niemanden zum Abschied zuwinken muss. Viele meiner nepalesischen Freunde und Geschwister haben darauf beharrt, mich am Morgen am Hostel zu verabschieden oder gar zum Flughafen zu begleiten. Doch ich lehnte dankbar ab. Die kurze Taxifahrt gehört mir ganz allein. Ein letztes Mal genieße ich den schrecklichen Verkehr Kathmandus. Ein letztes Mal sehe ich das Chaos auf den Straßen. Ein letztes Mal höre ich den Lärm und das dauerhafte Hupkonzert. Ein letztes Mal rieche ich den unerträglichen Smog. In Melancholie versunken, sortiere ich meine Gedanken. Eine tiefe Traurigkeit setzt ein. Doch es kullern keine Tränen – Abschiede aus Nepal sind zur Routine geworden. Vor 5 Jahren war dies noch anders gewesen…

Ich bin glücklicher in Nepal, weil ich dort etwas bewirke! (Foto: Khai-Thai Duong)
Ich bin glücklicher in Nepal, weil ich in Nepal etwas bewirke! (Foto: Khai-Thai Duong)

Ein achtes Mal betrete ich nun bereits den Flieger. Ein achtes Mal heißt es, Abschied von Nepal zu nehmen. Ein achtes Mal bin ich gezwungen dieses wundervolle Land zu verlassen. Als das Flugzeug vom nepalesischen Boden abhebt, weiß ich, dass das „Ablaufdatum“ meines Glücks erreicht ist. Ich weiß, dass ich das Glück, das ich in Nepal empfinde, in Deutschland nicht empfinden werde. Ich weiß, dass ich mich in Nepal lebendiger fühle als in Deutschland. Ich weiß, dass ich mit meinem Engagement in Nepal viel mehr für Menschen bewirken kann, als ich in Deutschland jemals bewirken werde. Gleichzeitig ist mir aber auch bewusst, dass ich in Deutschland größere Sicherheiten habe als in Nepal. Mir ist bewusst, dass das Leben in Deutschland komfortabler ist. Mir ist bewusst, dass ich kulturell mehr nach Deutschland gehöre als nach Nepal.

Zwischen zwei Welten hin und her zu pendeln, ist nicht einfach.

Ich empfinde Freude, weil für andere da sein kann! (Foto: Khai-Thai Duong)
Ich empfinde Freude, weil ich für andere da sein kann! (Foto: Khai-Thai Duong)
Ich fühle mich in Nepal wohl, weil dort Familie habe! (Foto: Khai-Thai Duong)
Ich fühle mich in Nepal wohl, weil ich auch dort Familie habe! (Foto: Khai-Thai Duong)

Immer wenn ich in Deutschland bin, sehne ich mich nach Nepal. Immer wenn ich in Nepal bin, spiele ich in meinen Gedanken hypothetisch durch, wie lange ich in dem Land bleiben würde, und komme zu dem Schluss, dass ich trotz des empfundenen Glücks nie mein ganzes Leben dort verbringen könnte.

Es ist ein Dilemma!

Im Flugzeug befinde ich mich im wahrsten Sinne des Wortes zwischen meinen beiden Welten. Es ist die einzige Zeit, in der ich weder Sehnsucht nach dem einem, noch Sehnsucht nach dem anderen habe. Es ist nämlich die einzige Zeit, in der ich weder das eine noch das andere habe. Theoretisch könnte ich die Zeit nutzen, um neutral zu beurteilen, wo ich gerne sein möchte. Doch ich verschiebe die Entscheidung lieber auf später. Denn tief im Innersten weiß ich bereits, dass zwischen zwei Welten vollkommenes Glück nicht möglich sein wird. Es wird – egal in welchen der beiden Welten ich mich befinde – immer einen Teil in mir geben, der Sehnsucht nach den Menschen in der anderen Welt hat. Zwischen zwei Welten lebt es sich ständig im gleichzeitigen Glück und Melancholie…

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