Schmerz, tritt bitte ein und bleib, solange Du möchtest

In Nepal krank zu sein, ist lästig. Abseits der blumigen Beschreibungen von Reisenden, die auf die atemberaubende Schönheit dieses kleinen Himalaya-Staates schwören, gibt es auch ein Nepal, das rein gar nichts mit den Lobeshymnen zu tun hat, die man von begeisterten Reisenden erzählt bekommt. Wird die rosarote Brille abgelegt, blickt man auf ein Land, in dem Müll ungeachtet auf Straßen geworfen wird und in dem Abgase, Smog und Staub die Luft in den Großstädten verpesten. In den Hinterhöfen wird Plastikmüll verbrannt, während Diesel-Generatoren aufgrund der vielen Stromausfälle Elektrizität erzeugen – unsere Lungen nehmen ungefiltert den Rauch auf, unsere Augen brennen und in unserem Rachen schmecken wir den Ruß.

Da ich fast täglich die von unserem Verein betreuten Einrichtungen besuche, ist es immer nur eine Frage der Zeit, bis ich mich bei den Kindern anstecke. Harmlose Erkältungen sind wie die Atemschutzmaske und das Desinfektionsmittel ein Standardbegleiter auf meinen Nepal-Reisen. Seit über einer Woche schlage ich mich schon mit einer leichten Erkältung herum. Erkältungen sind in Nepal besonders lästig, weil bei einer verstopften Nase gerne ungeniert aus dem Mund ein- und ausgeatmet wird – so erreichen die Schadstoffe in der Luft erst Recht den Hals…

Dennoch lassen sich Erkältungen in der Regel aushalten. Doch seit mehr als zwei Tagen plagt mich die heftigste Migräne, die mich je heimgesucht hat. Jede Bewegung endet in einem stechenden Schmerz. Für eine Strecke, für die ich normalerweise zu Fuß 20 Minuten benötige, waren es gestern und heute jeweils über eine Stunde. Vielleicht muss ich meinem Körper einfach nur etwas Ruhe gönnen. Doch Zeit zum Ausruhen bleibt für mich nicht. Die vielen Projekte, die unser Verein seit dem Beginn des Jahres angeht, verlangen von mir, dass ich weiterhin täglich unterwegs bin – Menschen zählen auf mich. Medikamente, die ich seit Beginn der Migräne nehme, schlagen nicht an. Die punktuellen Schmerzen lassen einfach nicht nach – so sehr ich es mir auch wünsche…

Darum versuche ich es nun mit dem Buddhismus. Anstatt alle erdenklichen Mittel einzusetzen, die ja zuvor leider nicht das gewünschte Ergebnis erbrachten, um den Schmerz los zu werden, gilt es für mich nun, den Schmerz loszulassen. „Loslassen“ heißt in diesem Fall, die Kontrolle über den Schmerz aufzugeben. Durch das „Loslassen“ verschwindet der Schmerz jedoch nicht, ihm wird aber die Gelegenheit gegeben, sich zu verabschieden. „Loslassen“ ist nicht zeitlich befristet, was dann eher einer Verhandlung mit dem Schmerz gleicht: „Wenn ich Dich für die nächsten 10 Minuten „loslasse“, könntest Du dann bitte endlich verschwinden?“

„Loslassen“ heißt dem Schmerz ein Bleiberecht im eigenen Körper einzuräumen, solange der Schmerz dies will und sei es für den Rest des Lebens. Das ist wahres „Loslassen“! Wir sagen zum Schmerz: „Schmerz, die Tür zu meinem Herzen steht dir offen, ganz gleich, was du mir antust. Tritt ein.“
Wahres „Loslassen“ bedeutet, die Kontrolle über den Schmerz aufzugeben. Dabei ist es gleichgültig, ob der Schmerz bleibt oder verschwindet. Nur dann wird er weggehen…

In Anlehnung an Die Kuh, die weinte – Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück von Ajahn Brahm.

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Namasté! Schön, dass Ihr meinen Nepal Blog gefunden habt. Mein Name ist Khai-Thai, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern stammen aus Vietnam, Frankfurt ist meine Heimat und Nepal mein Zuhause. Seit 2011 besuche ich das wundervolle Land für mehrere Monate im Jahr und engagiere mich für unsere Hilfsprojekte vor Ort. In diesem Nepal Blog schreibe ich über meine Eindrücke, Erfahrungen, Anekdoten und Projekte - Einfach mein-Nepal eben ;)

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